Polizeihauptquartier Targomua, Matriarchat Fenlora, 6.Juli 2.325, 14.Stunde

 

Gedrückt war die Stimmung am Konferenztisch von Jikai Delta, und wohl zu recht. Vier Doppelmorde waren es nun, gemeuchelte Haussklaven und Haustiere nicht mitzählend, die Targomua in Unruhe versetzten und den Ermittlerinnen von Jikai Delta schlaflose Nächte bereiteten.

Allen magischen Aufklärungsmethoden zum Trotz war die Mordrate in des Zarijats Hauptstadt, mit anderthalb Millionen Seelen größte Stadt der Welt, sehr hoch. Doch eine Mordserie wie diese war auch hier selten.

Es kam alle Jahre wieder vor, dass ein geisteskranker Mann aus den Phallokratien, ein irrer Massenmörder, mittels Magie nach Fenlora gelangte und eine zeitlang hier wütete, selbst weibliche Serienkillerinnen waren, leider, nicht unbekannt, doch immer gab es Spuren, über kurz oder lang war den Ermittlerinnen Erfolg beschieden.

Die Aufklärungsquote der Morddezernate war viel höher als die der mit der Jagd nach phallokratischen Sklavenfängern beschäftigten Teams.

Dieser Fall jedoch war beispiellos. Zudem die Medien sich darauf stürzten wie die Aasspinnen auf ein verendetes Bronto. Täglich reißerischer die Schlagzeilen, immer höher der Druck von Öffentlichkeit wie Obrigkeit auf die Tafuxa, ihre Pflicht zu tun.

Es hieß, die Zarija selbst verfolge den Fall und habe die Teamchefin persönlich zum Rapport bestellt.

Axita – Teamchefin – Revalee Zallposmov war eine burschikose Schwester mit Kurzhaarfrisur, einem strengen Zug um den Mund und den durchdringenden schwarzen Augen eines Killerraptors. Wenn sie Nerven zeigte, konnte es nicht gut stehen. Nie zuvor hatte sie die Stimme erhoben, war sie zornerfüllt, tadelte sie die Fehlsamen mit leiser, eiskalter Stimme. Heute jedoch hatte sie schon zwei lautstarke Wutanfälle hinter sich, die sowohl eine junge Assistentin als eine alte, kurz vor der Pensionierung stehende Ermittlerin zu Weinkrämpfen getrieben hatten.

Nun rauchte sie Kette und musterte ein Mitglied des Teams nach dem Anderen wie Verräterinnen. Keine außer Aurora hielt ihrem Blick stand. Etwas wie Anerkennung glitt über das Antlitz der Axita.

„Lady Maga, habt ihr etwas zur Sache beizutragen? Vielleicht fasst ihr die Sache noch einmal für uns zusammen. Mag sein, wir haben etwas übersehen.“

„Gerne, Lady Axita.

Wir haben vier Fälle mit gleichem Muster. Der Erste vom X.Blumenmond, der Letzte gestern Nacht. Die Abstände zwischen den Taten folgen keinem System, das wir erkennen könnten.

Immer sind es zwei weibliche Opfer. Auch hier kein erkennbares System, sowohl was Paarung als auch soziale Herkunft der Opfer angeht. Zwei Paare waren Gefährtinnen vor dem Gesetz, ein Paar hatte sich erst zwei Nächte zuvor im Tanzclub kennen gelernt, das erste Paar waren Mutter und Tochter. Zwei Paare entstammten der Leshkenaiumon, Schreiberinnen und Anwältinnen, eines der Shakeshumon – die Verkäuferinnen aus dem Baxa, das Tanzclubpaar entstammte Thallpaiumon – eine Manufaktuararbeiterin – und Krosuamon – eine Kriegerin auf Urlaub von der gromischen Front.

Optische Kriterien scheinen auch keine Rolle zu spielen. Drei Blonde, eine Brünette, eine Rothaarige, zwei Sudofenloras – braune Haut und schwarzes Haar, und eine rassische KiTanFeng, blau gefärbt ihr Haar übrigens.

Verbindungen zwischen den Opferpaaren – Fehlanzeige. Lage der Tatorte, Art der Tatorte, kein Muster.

Einzig der Ablauf der Taten ist gleich, folgt einem festgelegten Ritual. Die Matrix am Tatort wird mittels Zauber gelöscht, keine Rückstände der magischen Energie verbleiben. Andere anwesende Lebewesen, Haustiere, Sklaven, werden schnell und effektiv eliminiert. Selbst ein Plappatacka, nicht größer als meine Hand, wurde getötet.“

Aurora hielt inne, trank von ihrem eisgekühlten Saft, griff nach ihren Zigaretten. Die Axita musterte sie finster. Neben der rothaarigen Maga malte Salega, ihre Partnerin, Fuwupp-Mupps auf ihren Schreibblock.

Sie entzündete ihre Zigarette, inhalierte und fuhr fort:

„Die Opfer werden mit Kupferdraht gefesselt, Rücken an Rücken. Schon dabei werden ihnen verstümmelnde Wunden zugefügt. Die Münder werden mit magisch flexiblem, später härtendem Silber geknebelt, die Augen ausgestochen. Die Körper mittels scharfer Messer an vielen Stellen geritzt, sozusagen mit Symbolen, die uns unverständlich sind, übersät.

Wir haben die Symbole der Magaakademie, Abteilung alte Sprachen und Symbole, vorgelegt, ohne Ergebnis. Sie entstammen keiner bekannten terklorischen Kultur. Nicht einmal überlieferte Zeichen der Dämonenwesen weisen Ähnlichkeiten auf.

Ist die Folterung der Opfer vollzogen, werden sie erdrosselt, mittels einer Würgeschlinge, vermutlich ebenfalls aus Metall.

An der Wand des jeweiligen Zimmers schließlich findet sich eine mit Blut geschriebene Inschrift. Das Blut stammt nicht von den Opfern, sondern anderen, bislang unbekannten weiblichen Personen. Es ist magisch haltbar gemacht, Art des Zaubers auch hier unbekannt.“

Eine der Ermittlerinnen am Tisch warf ein:

„Doch Dämonen? In dem Fall sind wir kaum gerüstet…“

Auroras Partnerin Salega schaltete sich ein, von ihren Fuwupp-Mupps aufblickend:

„Warum sollten die so ein beklopptes Ritual abziehen, Schwester? Dämonen, ob Ghuls oder Razigus, haben Hunger, reißen ihre menschlichen Opfer. Selbst Karzakas, die geschwänzten Dämonenweiber, nähren sich von starken Emotionen wie Leid oder Hass. Auch ihr Motiv ist Hunger. Die magische Wissenschaft ist sich einig, daß Dämonen natürliche Lebensformen der Schattenwelt sind, biologischen Gesetzen gehorchend.

Und vor allem, würden sie Silber und Kupfer verwenden, Inschriften in altterklorisch zurücklassen? Diese Metalle existieren in den Schatten gar nicht, müssen einer Blutsaugerin bedeutungslos sein, erst recht einem Ghul mit der Intelligenz einer Fliege. Die Inschriften schließlich lassen Dämonen völlig ausscheiden.“

Aurora nickte und hob wieder an:

„Ich stimme den Ausführungen meiner Partnerin voll zu. Wir haben es mit Menschen zu tun, ob Männern oder „Schwestern“, bleibt vorerst unklar. Sie sind magisch begabt oder zumindest eine von ihnen. Jedoch handelt es sich um keine limbusgespeiste Zauberkraft. Auch Schwarzmagie ist auszuschließen, ich bin Expertin auf diesem Gebiet, und die Rückstände in den Schatten der Matrix wären unverkennbar.“

„Woher wissen wir eigentlich, dass es nicht nur eine Person ist?“ fragte Alura Digestenko, die junge blonde Praktikantin, die alle nur „Zarija“ nannten, wegen der Namensgleichheit mit der Herrscherin und der Ironie, dass sie gewöhnlich nur mit Akten sortieren und Draal holen beschäftigt war – Führungsaufgaben nannte frau das.

Mehrere Ermittlerinnen starrten das junge Ding böse an, vermutlich, weil sie nicht selbst auf diese Frage gekommen waren.

 Aurora nickte der Blonden kühl zu.

„Berechtigt, diese Frage, Zarijaschatz. Lady Heilerin?“

Die Heilmaga des Teams, spezialisiert auf Forensik, eine ältere erfahrene Sudofenlora mit dickem, glänzend schwarzen Zopf und leicht gebogener Nase im perfekt geschminktem, stolzen Gesicht, nahm den Faden auf:

„Die Tötungen. Alle wurden mit einer stählernen Würgeschlinge durchgeführt. Die Mörderin oder der Mörder der Haussklaven ist LinkshänderIn, die Paare jedoch wurden von einer RechtshänderIn erdrosselt.“

„Oder die TäterIn will uns in die Irre führen…“ schnarrte die Axita.

Aurora schaltete sich wieder ein:

„Es ist zu bedenken, dass die „Operation“ jedes Mal recht kompliziert und vielschichtig ist, relativ wenig Zeit zur Verfügung steht. Eine einzelne Person müsste die Paare überwältigen, sichern, foltern, all die Hautschnitzereien vornehmen, Sklaven und Haustiere ermorden, die magische Matrix löschen, die Inschrift anbringen…“

Die Axita nicke langsam.

„Ein Team von Irren also.“

„Lady Axita, dies führt uns zum Motiv. Eine Gruppe Leute führt eindeutig wahnsinnige, unmenschliche Taten aus. Warum? Kollektiver Wahnsinn, eine religiöse Sekte? Wir wissen es nicht, Spekulationen führen uns nicht weiter. Kupferdraht, Silberknebel… die Stoffe stammen nicht aus Fenlora, die Herkunft ist unbekannt.

Die Inschrift… bei ihr müssen wir ansetzen, wollen wir das Motiv ergründen.

Kryptisch sind die Inschriften, in altterklorisch, etwa 6.Jahrhundert, mitten in der Dunklen Zeit. Immer ist von der Wiederkehr von jemandem, einer Gruppe die Rede, schrecklich und großartig zugleich soll diese Wiederkehr sein, von einem Erbe und einer Schuld ist die Rede. Mein Eindruck ist, diese Texte entstammen einer alten Schrift, wie einer Prophezeiung.

Bereits vor einigen Tagen zeigte ich sie als Abschrift einer Spezialistin der Leshkenaia-Akademie. Die Professorin sandte mir heute Morgen ihre Analyse.“

„Und?“

Wie ein Peitschenknall das Wort aus der Teamchefin Mund. Auch andere beugten sich gespannt am Tische vor.

„Die Texte entstammen ohne Zweifel den in Fragmenten erhaltenen Schriften von Sillo Steiss-Gang, einem pogranischen Magus und Erforscher der Matrix aus dem 9.Jahrhundert nach Sheila.“

„Pogranisch?“

Keine der Anwesenden verband ausgerechnet friedliebende, harmlose Pograner mit Ritualmorden und blutigen Inschriften.

„Die Spur führt dorthin, jedoch heißt das nicht, die Mörder wären zwangsläufig Pograner.“

„Wir müssen diese Schriften zur Gänze studieren. Habt ihr sie schon eingesehen, Lady Maga?“

Aurora machte ein säuerliches Gesicht und wechselte einen Blick mit Salega.

„Sie liegen in keiner Bibliothek Targomuas, beziehungsweise des ganzen Zarijats, vor. Einzig in Pogran, in der Bibliothek der Akademie zum … aaah…spitzen Hütchen… in Ravuplu, existiert eine Abschrift des verlorenen Originals.“

„Verstehe. Ihr beherrscht Altterklorisch?“

„Ja, ohnehin kann nur eine magisch begabte Person die Bibliothek nutzen.“

„Gut. Ihr werdet so rasch wie möglich dorthin aufbrechen. Pogran ist für eine Fenlora leichter zu bereisen als jede andere Phallokratie.“

„Allerdings brauche ich die Begleitung eines Mannes, mich dort fei zu bewegen und die Bibliothek zu betreten.“

„Auch dafür gibt es Lösungen.“

Salega hob träge einen Finger.

„Ich wüsste da jemand zuverlässigen. Einen jungen, sehr fähigen Terkonnier.“

Aurora hob eine Braue, am Tisch brach Unruhe aus. Die Axita fragte kalt:

„Ein Frauenschinder aus dem Reich unserer Feinde?“

„Er ist kein Frauenschinder, beileibe nicht. Tatsächlich arbeitet er freiberuflich schon lange mit uns zusammen.“

„Ein Verräter? Solchen ist nicht zu trauen.“

„Mitnichten, vielmehr ein Mann mit Gewissen und Moral, so selten sie sind. Er arbeitet für Freikauforganisationen, spürt entführte Schwestern in Terkonnia auf und geleitet sie zurück nach Fenlora. Er ist fähig, verschwiegen und hat keine Probleme, eine Frau als Partnerin zu akzeptieren.“

„Tatsächlich?“ meinte Aurora und zog indigniert an ihrer Zigarette.

Die Axita dachte kurz nach, nickte dann.

„Gut. Wie tretet ihr mit ihm in Kontakt?“

„Er ist regelmäßig  in der Gaststätte PERFEKTES PAAR in Zikadri, Lavendra. Aurora sollte sich dort mit ihm treffen. Ich werde das arrangieren.“

„Sobald wie möglich, verstanden. Die Zarija selbst will Ergebnisse sehen. Lady Maga, sobald Salega diesen Kerl instruiert hat, werdet ihr Euch in Zikadri mit ihm treffen.“

„Jawohl, Lady Axita. Sag, Salega, wie heißt der Kerl denn, dieser ach so tolle Terkonnier?“

„Ajalas Troor von Kalantia. Du wirst ihm gefallen.“

„So?“

Das würde vermutlich nicht auf Gegenseitigkeit beruhen. Aurora verabscheute Männer im Allgemeinen und Terkonnier im Besonderen.        

  

 

Fortred Dorn, Blektron, Phallokratie Terkonnia, 6.Juli 2.325, in der Nacht

 

Erhitzt war er wie stets nach den Vergnügungen der Nacht. So lebendig fühlte er sich, bereit zu allem, fähig, es mit allen Legionen der Schlampen ebenso aufzunehmen wie mit dem weichlichen Zakunthier, der seine eklige Schwäche in die Tünche der Entschlossenheit kleidete. Reformen, pah! Die Macht der Clans beschneiden wollte er, alles gleich machen, die Sklavereigesetze vereinheitlichen, um die ach so kostbaren Miststücke ihrer gerechten Strafe in Blektrons Hallen zu entziehen.  Die Ausbildung der Krieger, die Struktur der Regimenter wie mit einem Planierungszauber einstampfen zu einem Einheitsbrei, wo doch jeder wusste, dass Blektrons Recken die Besten waren, weil sie noch nach den alten Wegen geschult wurden.

Verächtlich versetzte er der Leiche der Frau auf der Streckbank noch einen Tritt.

Gut hatte sie geschrien in den Lederknebel, die Augen voller Angst und Entsetzen. Wie kühlende Öle für eines überhitzten Sauriers Haut  so kühlte ihr Schmerz, ihre Angst, ihre kleinen, gedämpften Laute den dunklen Zorn in seinem Innern.

So war es stets. Nicht alle waren so gut wie diese hier. Lange hatte er Freude an ihr gehabt. Leider war es wirklich möglich, dass Weiber vor Schmerz und Furcht starben. Bei all des Blektroners Kunst wusste er das nicht sicher zu verhindern. Doch diese nicht, nein, lange hatte sie sich gewunden, als ihre Haut aufplatzte, ihre Muskeln rissen, ihr Blut hervorspritzte, ihre Knochen knackend barsten.

Ein Schauder der Wonne durchlief ihn. Wiewohl er mehrmals in dieser Nacht gekommen war, drang er noch einmal in sie ein, nahm die Tote mit schnellen, harten Stößen, entlud sich mit einem Aufschrei in die Leiche.

Lorn selbst konnte nicht gewaltiger, nicht mächtiger sein. Dereinst würde er an des Gottes Tafel zu seiner Rechten sitzen, und der Großgemächtete würde ihm die Schüssel zu SEINER eigenen Folterkammer überreichen, um dort Lorns Lumas selbst zu züchtigen für ihre Sünden.

Doch noch war es nicht soweit, viel war zu tun. Seine Bestimmung erfüllen musste er, Terkonnia zu neuem alten Ruhm zu führen, die Weiber im Osten und überall auf der Welt zu vernichten war ihm vorbestimmt.

Pfählen, kreuzigen, rädern würde er sie zu Tausenden, ohh, all diese Schreie, diese entsetzen Augen. Er erschauerte, glitt aus der verstümmelten Luma, wandte sich ab. Bei der Größe seiner Aufgabe schauderte ihm. Doch noch war es nicht möglich, nein, noch nicht. Der Zakunthier stand zwischen ihm und dem Thron, ihm und seinem Schicksal. In alter Zeit hätte eine Tschellengor, auf Leben und Tod natürlich, die Angelegenheit entschieden, wie es unter Männern angemessen war. Doch ein anderer Reformator, ein verfluchter, wohl nun in den Ketten Sheilas der Schmutzigen schmachtender Kalantier, hatte vor mehr als hundert Jahren das Gesetz geschaffen, dass Clansherren einander nicht fordern durften, nicht einmal zum Wettpissen.           

Wo wir gerade davon sprechen, dachte er und grinste breit, fasste Stand und urinierte auf die blutüberströmte Leiche.

Der Zakunthier also. Er musste fallen. Und dieser andere, der khakumonverrückte Galveker, auch er stand im Weg. Was war zu tun? Ein Plan musste her. Indes, Beistand hatte er, mächtigen Beistand, von Lorn selbst gesandt. Der Dunkle würde Rat wissen. Schon oft geholfen hatte er. Rufen musste er ihn, gleich jetzt. Erfreut würde er sein beim Anblick von Dorns Werk. Stolz musterte er der Sklavin Leiche. Gelblich rann sein Urin am blassen Leib herab, vermischte sich mit den Rinnsalen roten Blutes.

„Gerufen hast Du mich,  Dorn Shorr von Blektron, mächtigster der Terkonnier. So bin ich gekommen.“

Kurz malte sich Verblüffung in des rotbärtigen Blektroners Blick, leichtes Unbehagen bedrängte ihn. Dann verschwand es, machte Freude Platz. Er dachte nur an seinen dunklen Diener, und er erschien sogleich. Ja, ein Diener war er, nicht Verbündeter. Gut schmeckte das Wort – Diener. Ein mächtiger zwar, aber was anderes stand dem großen Dorn zu?

„Wohl hast Du getan an dem Weibchen, Dorn, Du Großer.“

„Ja. Ja, ich war in Form heute.“

Ganz wandte er sich nun dem Dunklen zu, einer großen, schattenhaften Gestalt, Gesicht wie Leib verhüllt von dunklem Stoff. Ein rotes Schimmern, wo die Augen sitzen mussten.

Dorn schritt nun zur Seite, fort von der Folterbank, ergriff ein feuchtes Handtuch weichen Amshas, säuberte den mächtigen, behaarten Leib von der Luma Blut und eigenem Schweiß.

Der Dunkle wartete.

„Du musst mir helfen und das rasch. Aus dem Weg müssen der Galveker und der Zakunthier, Raliras wird abtreten, und der Thron wird mein sein schon bald. Mein Schicksal wird sich endlich erfüllen, wie es mir als Knabe geweissagt.“

Der Fackeln Flammen flackerten, dunkler schien es zu werden in der Kammer, hoch droben im Ostturm der Fortred Shorr, Stammsitz des Patrorenhauses, dessen Erbe und Anführer der Rotbärtige war. Kein magisches Licht gab es in der Festung, den alten Wegen folgte die Sippe, wie es sich gehörte. Wie unmännlich, auf einen hölzernen Knopf zu drücken, um Licht zu entzünden mittels verzärtelnder Zauberei. Nein, Fackeln wie zu der Urväter Zeiten mussten es sein. Auch fließend Wasser und magische Toiletten, Kühlschränke gar suchte man in des Blektroners Stammsitz  vergebens.

„Ich verstehe. Die Stimmen der anderen Clansherren musst Du gewinnen, Dein Ziel zu erreichen, Dorn, Du Blutspender.“

„Doch wie, sag, weißt Du Rat, treuer Diener?“

Der rote Schimmer schien kurz zu blinken bei dem Worte Diener. Dorn, nach der Lederhose greifend, merkte es nicht.

„Gewiss weiss ich Rat, oh Tödlicher.“

„So sprich, rasch.“

„Den Galveker auf Deine Seite ziehen muss Dir gelingen. Möglich ist es, ein mächtger Zauber, nicht zu spüren für der Toren Mittel, vermag das zu vollbringen. Leicht kannst Du ihn wirken.“

„Ein Zauber? Die Ränke der Magi stehen einem Blektroner und künftigem Diodarchor schlecht an.“

„So verschmähst Du meine Hilfe?“

Besorgnis kroch über des Blektroners Antlitz. Nicht missen mehr wollte er den Dunklen, zu oft sein Rat ihm Triumph gebracht, von seinem Tethmesh – der Prüfung zum Krieger – in der Jugend bis hin zur Erringung der Clansherrenwürde. Nein, bleiben musste er. Auch der Zakunthier nutzte Magie, von Übel war sie zwar, doch mächtig, allzu mächtig. Ein Narr wäre er, sich ihrer nicht zu bedienen für den höheren Zweck.

„Nein, nein, Du bist mir teuer wie ein Bruder. Was ist dies für ein Zauber und wie kann ich ihn vollbringen?“

„Leicht ist er für einen Recken wie Dich. Ein Kind nur braucht es, weiblich soll es sein, unschuldig noch, vor dem ersten Blut. Leicht sollte es zu finden sein in den Sklavenpferchen Deiner Feste.  Zum Zweiten brauchst Du des Galvekers Locke. Besorge eine Strähne von des Mannes Haar.

Schlachte bei Dunkelheit im Lichte des Mondes das Kind, lasse all sein Blut in einen Bottich fließen. Aus Kupfer muss der Bottich sein, silbern Füsse und Umrandung. Rein müssen die Metalle sein. Auch vergeude nicht einen Tropfen von des Balges Blut. Leben muss es, bis die Kraft des Blutes aus ihm gewichen.“ 

„Ausbluten soll das Gör, ich verstehe.“

„Ja, oh Gnadenloser. Wenn der letzte Tropfen gefallen in den Bottich, so gebe hinzu des Galvekers Locke. Zuletzt ritze das Fleisch Deiner Rechten, oberhalb des Handgelenks, und gebe drei Tropfen Deines eigenes Lebenssaftes hinzu.“

„Wahrlich leicht erscheint mir dies. Was bewirkt es, sag an?“

„Fortan wird der Galveker tun, was immer Du verlangst. In jeder Hinsicht Dein Diener wird er sein, ausgeliefert Deinen Wünschen und Befehlen. Nutze diese Macht wohl.“

Dorns eisblaue Augen verengten sich.

„Das ist gut. Wahrlich, das ist perfekt. Ich kann ihm auftragen, mich bei der Wahl zu unterstützen. Am Ende wird er für mich stimmen, und seine Parteigänger gar mitziehen.“

„Deine Klugheit korrespondiert gefällig mit Deiner Grausamkeit, oh Weiser.“

„Allein, wird das genug sein? Dem Zakunthier, Turon dem Lornverfluchten, möge Shakkas Norrissons Raunhausikk ihn niederstrecken, werden sich viele wieder zuwenden.“

„Die Ereignisse mögen eine Handhabe liefern, den Dunkelhaarigen zu schwächen. Noch leuchtet der Ruhm von den Auen Troko-Enpps um ihn, lässt ihn groß und gewaltig erscheinen in Deinesgleichen Augen.“

„Pah, Glück hatte er in der Schlacht. Entkommen ließ er die Hauptmacht der Slatts an jenem Tag.“

„Wie auch immer, neue Schlachten mag es geben. Andere Sieger mag es geben – oder Siegerinnen.“

„Dann ist es wahr, zu neuem Streit rüsten sich die Weiber?“

„Es mag Dir zum Vorteil gereichen, sollten die frechen Weibchen zunächst siegreich sein. Bedrängt von der Weiber Legionen, der Ruf im Reiche nach einer starken Hand, einem entschlossenen Manne, mag rasch wachsen. Einzig den Zakunthier bloßstellen musst Du zuvor.“

„Ich sehe es vor mir, der Lorbeer des Sieges dem Zakunthier entrissen, mit Schande bedeckt sein Name. Wenn die Weiber angreifen, wird es zuerst die Regimenter um Troko-Enpp treffen. Die Überlandstrassen, der Halim-Strom… strategischer Mittelpunkt der Front ist die gromische Stadt. Die Ingaguntos sind dort, des Zakunthiers altes Regiment. Ja, ja, so muss es sein…“

„Ihr habt einen Plan ,oh Listenreicher?“

„In der Tat, mein Freund, den habe ich. Das Diadem wird mein sein, und dann werden die Weiber rasch wieder alles verlieren was sie gewonnen haben mögen. Nicht ruhen werde ich, bis meine Armeen vor Targomuas Mauern stehen, beim Blute meiner Väter.“

„So soll es geschehen, Du Kraftstrotzender.“

Fertig angekleidet war der Blektroner nun, angetan mit dem schwarzen Leder des Kriegers. Von einer Schale schöpfte er kaltes Wasser, wusch sich das Gesicht, griff dann nach der bauchigen Flasche Jimbi, trank von dem scharfen Schnaps.

„Geh nun, mein Feund, wohlgedient hast Du mir. Nicht vergessen will ich das. Vielleicht werde ich Dich bald wieder brauchen.“

„Zur Stelle will ich dann sein, Du Glorreicher.“

Übergangslos verschwand der Schatten, ein Geruch nach Echse, wie aus den Tiefen des Stalles der Flugsaurier im Nordturm der Fortred, blieb zurück.

Dorn kümmerte es nicht. Die Jimbiflasche in der Faust, trat er zum offenen Fenster, ließ den Blick schweifen über die nächtlichen Berge. Dort, Richtung Norden, Zakunthi und Galveka. Weiter noch nördlich, beinahe an des Reiches anderem Ende, lag Kalantia, stand der Thron des Diodarchors in der Halle der Clans, wartete auf ihn.

Er spuckte aus. Ein Neskano, wilder Flugsaurier der Berge, schrie am Himmel, seine Artgenossen im Nordturm antworteten sehnsüchtig. Ja, ein Ritt durch die Nacht, hoch droben schwebend über den Bergen der Heimat, dies war die nächste Tat. Nachdenken musste er, Pläne schmieden.

Dorn Shorr von Blektron, Clansherr von Blektron, wandte sich vom Fenster ab und schritt zur Tür der Kammer, öffnete sie.

Zwei Wachen, zugeschworene Krieger seines Hauses, salutierten, harrten ehrerbietig seiner Befehle.

Wie ein Knurren war seine Stimme, lässig und doch beherrscht sein Auftreten.

„Lasst mein Flugtier satteln. Und beseitigt den Abfall in der Kammer.“