JIKAI LA 7

XII

Kaserne der Ingantos, Troko-Enpp, 4.Juli 2.325, 13.Stunde

 

„Du verzeihen viel Hi-Shi, er Dich fragen wo Maastor von Kochort sein zu finden, bitte viel.“

„Ohh, Mastor, hihi, was möchtet ihr?“

Die beiden Sklavinnen in den weißen Kochschürzen, auf der Hintertreppe der großen Garnisonskantine sitzend und Banieis schleckend, kicherten, gingen aber artig auf die Knie. Zu komisch sprach der gelbhäutige fremde Maastor.

Klein war er für einen Mann, und irgendwie rundlich, ohne dick zu sein, nicht die V-Form der terkonnischen Krieger hatte sein Oberkörper, auch sein Gesicht war nicht scharf geschnitten, kantig und männlich, sondern weich und rundlich wie der volle Mond.

Sein schwarzes Haar sah aus, als wäre ihm ein Topf aufgesetzt und einmal rundherum abgeschnitten worden. Was für ein merkwürdiger Kerl.

Ein schwacher Maastor war er auch, das hatten sie gleich gedacht und richtig gelegen. Denn eindeutig galt ihr respektloses Kichern ihm, er jedoch strafte sie nicht, lächelte nur freundlich wie ein argloses Fuwupp Mupp und wiederholte seine Frage wortreich. Sein Akzent trug wenig dazu bei, der Lumas Respekt zu erhöhen. Sehr komisch und leicht lispelnd war er, ein freundlicher SingSang, der das majestätische, gewichtige Terkonnisch irgendwie putzig wirken ließ.

Eine der Beiden rief sich zur Ordnung, immerhin konnte jederzeit ein echter Maastor auftauchen, und brachte hervor:

„Uhh, Maastor, geht nur hier hinein, der Maastor der Küche ist der große Mann mit dem roten Zopf und dem großen Kochlöffel, dem Größten.“

„Kochmaastor nicht tragen Hose zu bedecken Gemächt?“

„Wie? Hihi, nein, wirklich, großer Kochlöffel, am Gürtel.“

„Hi-Shi verstehen, gewesen viel mistiges Verständnis, ja, ja. Hi-Shi gehen hinein, sprechen mit große Kochlöffel. Vielen Dank gehören schöne Luma, bitte viel.“

Der komische Kauz, Hi-Shi wohl der Name, verneigte sich tief vor den beiden Sklavinnen und schritt sodann eifrig beschwingt die kurze Treppe hinauf.

Er trug nur geflochtene Sandalen und eine Art Kilt aus grobem, wenig bearbeitetem Saurierleder, ein großer lederner Rucksack hing über einer Schulter an abgewetzten Riemen.    

Die Sklavinnen sahen ihm nach, als er durch die Tür verschwunden, prusteten sie los, kein Halten mehr kannten sie.

Hi-Shi derweil betrat die riesige Küche, die trockene, flirrende Hitze des Hofes draußen machte einer schwitzigen, dampfgetränkten im Inneren Platz. Dutzende Sklavinnen in weiß, dicke, rotgesichtige Männer, brodelnde Töpfe, sich drehende Babysaurier am Spieß, zahlreiche Mieps auf den zischenden Grills, die vielfältigen Geräusche und Gerüche des Ortes überfielen den Neuankömmling.

Der KiTanFenger wich einem Kerl aus, der eine riesige dampfende Schale eilig vorbeischleppte, stolperte dabei beinahe über eine dahinhuschende Sklavin, die Arme voller runder Brotlaibe, entschuldigte sich mit einer Verbeugung beim entschwindenden Rücken des Mädchens.

„Du da, was treibst Du hier? Dies ist die Regimentsküche, da haben Bettler nichts verloren.“

Freudig lächelte der rundliche kleine Mann. Gefunden hatte er den Herrn der Küche.

Tatsächlich groß war er, rot sein gebundenes Haar, gar mächtig der hölzerne Kochlöffel am breiten schwarzen Gürtel. Böse starrte der Kerl, Hi-Shi um zwei Köpfe überragend, auf den Eindringling hinab, als hätte er ein gefräßiges, schmutziges Pleck in des Regimentskommandeurs Menü entdeckt. Kleine Augen wie die eines halbblinden Lurk verengten sich noch mehr, die mächtige, rosige Pranke senkte sich zum Kochlöffel, die der Küche Meister wohl zur Züchtigung zu gebrauchen wusste.

„Du haben gefunden Koch viel, den Du suchen Verzweiflung voll viele Lächeln der Sonne.“

„Was quatschst Du da, Gelbhaut? Sprich wie ein rechter Mann!“

„Koch Du suchen, für Küche. Ich Koch. Viel Koch mit flinke Hände, viel ich kann, wenig Zeit brauchen, schnell wie Raptor schneiden Psirkat und Topambi. Ich zeigen.“

„Du bist ein Koch? Ein entflohener Sklave aus KiTanFeng bist Du, Bürschchen. Keine Lust mehr, den gelben Weibern in den Hintern zu kriechen, was? Was hast denn da gekocht, Kleiner? Fuwupp-Mupps? Spinne in Zucker?  Bah, so Dreckzeug essen wir hier in der Zivilisation nicht, merk Dir das.“

„Du suchen Koch? Schälen viel Topambi, rühren Soßen, spießen auf viel Miep in wenig Zeit? Hi-Shi schnell wie Raptor, wie Spinne beim Einwickeln schmackliche Beute.“

„Hmm, die gelben Schlampen haben dich sicher mit der Peitsche getrimmt, fleißig magst wohl sein. Und gewiss besser als die geilen Lumas, die immer nur ans Basten denken.

Also schön, kannst anfangen. Schlafplatz musst Dir in der Stadt suchen, bei den gromischen Weichmieps. Zehn Taran am Tag, von der vierten bis zur 16. oder der 16. zur vierten Stunde, den siebten Tag hast du frei, so will es Lorn, der Großgemächtete.“

„Viel Ehre sein Lorn, und dem großen Maastor Küche für Güte unendliche.“

„Du quatschst wie ein Weib. Komm, hier kannste Dich umziehen, und dann hilfst der Luma hier, Topambis schälen. Der ganze Berg muss in ner Stunde fertig sein. Mal sehen, ob Du wirklich so schnell bist. Wie heißt Du, KitanFeng?“

„Hi-Shi, grossgemächtiger Maastor der Küche.“

„Was hast mit meinem Gemächt? Bist am Ende ne Schwuchtel?“

„Viel nichts ich mögen Hinterlöcher von Männern starken. Viel mögen weiche Spalten quiekiger Großbrüste.“

„Ahh, gut so, Kleiner. Wenn Dus in ner Stunde mit den Topambis schaffst, gehört die Luma heut Nacht Dir.“

„Hi-Shi wird schneller noch sein als Raptor beim Fressen, Träger des größten Löffels.“

Der Küchenmeister brummte abgelenkt, seine ewig suchenden, wachenden Äuglein hatten Übles erspäht. Mit zornrotem Gesicht sprang er zu einem Herde in der Nähe, packte die Luma dort am Oberarm und schrie:

„Nichtsnutzige Schlampe, umrühren sollst Du, nicht in der Nase bohren!“

Hi-Shi wandte sich dem großen Berg goldgelber Topambiknollen zu und der hübschen kleinen Sklavin mit dem brünetten Pferdeschwanz (Begriff!), die davor auf einem Schemel hockte und verzweifelt schälte, als ginge es um ihr Leben.

„Du mir geben auch ein Messer, schöne Tochter der schaligen Erdfrucht. Hi-Shi Dir helfen, und wir ganz schnell fertig. Heut nacht Hi-Shi Dir zeigen wie Blumen erblühen in Dir, schön und duftend wie Du nie gesehen.“

Der Oberkoch brüllte durch den ganzen Saal, alles Klappern, Zischen und Brutzeln übertönend:

„Dies ist nicht die Schicksenküche von Superschlampenhausen in Hinteroberostfenlora. Dies ist die Küche der Ingaguntos, dem besten Regiment Zakunthis, ganz Terkonnias. Unsere Recken bekommen echtes Essen, nahrhaftes Essen, und sie bekommen es schnell. Hier wird gearbeitet, wie es des Regiments würdig ist. Verstanden? Also, zack, zack, bei Lorns Eiern und seinem großen Magen!“

Hi-Shi hatte sich Schemel und Messer besorgt und begann nun zur Verblüffung der Sklavin in nahezu unmenschlicher Geschwindigkeit und mit gottgleicher Präzision die Knollen zu schälen. Er beugte den Kopf zu der Brünetten und zwinkerte ihr zu:

„Viel Schreien lässt schrumpfen Hirn in Kopf und Eier in Hose.“

Die Luma sah ihn befremdet an, wagte dann ein zaghaftes Lächeln.

 

XIII

Seelenheilungshaus zu Telvenkeskua, 5.Juli 2.325, 9.Stunde

 

„Nun, meine Liebe, ihr seid seit fast zehn Tagen hier, Euer Zustand ist stabil. Sieht frau von Eurer fehlenden Erinnerung ab, seid ihr völlig gesund.“

„Aber ihr wolltet mir doch helfen, was die Erinnerung angeht.“

„Wie erkläre ich es einer Laiin wie Euch? Es gibt auch für uns Grenzen, und manchmal schaden die Heilungsversuche nur. Denkt an Eure Albträume. Ich fürchte, unsere Maßnahmen zur Überwindung Eurer Amnesie haben sie ausgelöst.“

Ashexee blieb äußerlich ruhig, doch tief in ihr brodelte ein finsterer Zorn, dessen Ausmaß sie selbst erschreckte. Was hauste dort verborgen in ihr?

Die arrogante Heilerin auf der anderen Seite des fein verzierten Schreibtisches merkte nichts vom inneren Aufruhr ihrer Patientin. Ihre lederverhüllten schlanken Finger spielten mit einem perlmuttfarbenen Brieföffner, die Lippen hatte sie in scheinbarer Nachdenklichkeit gespitzt, während sie vermutlich darüber nachsann, welches Kleid sie zum Restaurantbesuch am Abend tragen sollte.

„Also gut. Und das heißt für mich?“

„Oh, wir werden Euch entlassen. Ihr könnt gehen.“

„Aber… ich meine, ich habe keine Kleider, kein Geld, keine Wohnung, bin völlig fremd in dieser Stadt, ja Fenlora selbst. In der Kürze der Zeit konnte ich unmöglich genug lernen, um…“

„Ach, Ihr seid eine intelligente, entschlossene junge Person, sprecht die Sprache fließend. Könnt sogar lesen und schreiben. Was meint Ihr, wie viele Einwanderinnen täglich ins Zarijat kommen, die Nichts davon vorweisen können? Und dennoch passen sie sich schnell dem Leben hier an und finden sich zurecht. Ich bin sicher, was ein schmutziges rayatshisches Bauermädchen vollbringt, dürfte Euch kaum Schwierigkeiten bereiten.“

Rassistin sind wir also auch noch, dachte Ashexee angewidert. Blond und blauäugig war die Heilerin, an der rechten Schulter ihres gelben Seidengewandes prangte eine Brosche, ein weißgefaßter blauer, ovaler Edelstein. Die Bedeutung der Brosche, wenn sie denn mehr als ein Schmuckstück war, kannte Ashexee nicht.

Würde mich nicht wundern, wenn es der Orden für zehn zu Tode Geheilte Farbige ist, ging ihr durch den Sinn. 

„Aber ich habe doch überhaupt keine Mittel, keine Arbeit, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten…“

„Ach so, natürlich, Ihr wisst es nicht. Der Begriff HOF ist Euch noch nicht untergekommen?“

„Nein, zufällig nicht. Bitte, habt die Güte, mich aufzuklären.“

„Kein Grund, schnippisch zu werden, meine Liebe.“

„Verzeiht, ist mir so rausgerutscht.“

Ashexe verspürte plötzlich den Drang, aufzuspringen, diese Kuh mit der Rechten am Kragen zu packen und über den Tisch zu zerren. Ihre Linke würde zeitgleich vorschnellen, die Handkante den Kehlkopf am schlanken Schwanenhalse zerschmettern, und…

Was dachte sie da? Ihr wurde übel, dunkle Flecken tanzten vor ihren Augen. Kleine Splitter stürzten durch den Abgrund, sie zeigten…

„Ist Euch nicht wohl? Trinkt einen Schluck. Ich sagte gerade, HOF bedeutet Hashu ongarim Fenloramon, Heimat der ganzen Frauenschaft und bezeichnet eine traditionelle Politik unseres schönes Landes. Jede Schwester aus der Fremde, gleich welchen Standes und welcher Rasse, findet im Zarijat Aufnahme. Frau mag davon halten, was sie will, die Politik steht fest und unverrückbar. Da Eure Herkunft nicht ermittelt werden kann, seid Ihr technisch ebenfalls eine Einwanderin, ganz so, als wärt ihr von fremden Sphären angereist just auf diesem Friedhof materialisiert, in Fenlora Asyl zu begehren.“

„Ich gelte also als Einwanderin?“

„In juristischer Hinsicht, ja. Das Büro wird Euch ein Schreiben aufsetzen, das Euren Status erklärt und bei den fälligen Behördengängen hilfreich sein wird.“

„Behördengänge?“

„Natürlich, dort wird frau Euch helfen. Als Einwanderin habt ihr gemäß HOF Anspruch auf eine finanzielle Starthilfe, um ein Beispiel zu nennen. Ein kleiner Kredit, der Euch ermöglichen sollte, Kleidung und Wohnung zu erlangen und die Zeit zu überbrücken, bis Ihr Euer eigenes Geld verdient. Selbstverständlich werdet Ihr auch einen Tantun und die anderen nötigen Papiere erhalten.“

„Was ist ein Tantun?“

„Nun, ach so, ja, ein Tantun ist ein kleiner Ausweis mit Euren Daten und einer Zeichnung, einem Porträt Eurer selbst. Jede Fenlora trägt Ihn bei sich.“

Nicht, dass Ashexee es anders gekannt hätte, doch diese Bürokratie erfüllte sie mit Unbehagen. Wie so vieles, das nicht zu passen schien.

„Gewisslich werdet ihr auch privat schnell Anschluss finden. Euer Sexualleben während Eures Aufenthalts hier war praktisch nicht existent. Da habt ihr erheblichen Nachholbedarf. Ihr habt anscheinend nicht einmal selbst Azura geopfert.“

„Wie bitte?“

„Azura geopfert. Die Fingerchen benutzt, selbst Hand angelegt, ihr versteht.“

„Warum bei…“ Ashexee fiel kein Gott ein, die Götter dieser Welt waren ihr fremd als entstammte sie selbst einer anderen. Sie setzte erneut an.

„Warum sollte ich so etwas tun?“

„Regelmäßige sexuelle Erfüllung ist unabdingbar für Glück und Leistungsfähigkeit. Wir fürchteten schon, da sei etwas nicht in Ordnung bei Euch, doch eine Untersuchung hat bestätigt, dass ihr völlig normal seid.“

Ashexee beschloss, das Thema nicht zu vertiefen, leichte Röte bedeckte ihre Wangen.    

„Und wohin wende ich mich mit diesem Brief, den Ihr mir geben wollt?“

„Ach, was weiß ich, welches Amt dafür zuständig ist. Im Büro wird frau Euch sicherlich helfen können. Dort weiß frau derlei Dinge.“

Womit wir deutlich machen wollen, dass unsere Erlauchtigkeit selbstredend noch nie irgendwelche Bittstellereien bei Behörden zu absolvieren hatte. Was für ein Herzchen. Danjas Zorn war verflogen, nun hätte sie fast gelacht. In diesem schönen Land der Frauen, die alle liebende Schwestern zu sein vorgaben, herrschten Dünkel und Klassendenken. Woher auch immer, dies war ihr wiederum nur allzu vertraut.

„Schön, damit wären wir fertig. Am Besten geht ihr gleich zum Büro. Ich wünsche Euch Glück und Erfüllung in Eurem neuen Leben, Schwester.“

Der Blonden strahlendes Lächeln war so falsch wie die Perlenkette um ihren Hals. Dennoch erwiderte Ashexee das Lächeln und erhob sich.

Eine neue Aufgabe stand an. Ashexee Krasnajal hatte sich eine eigene Existenz in diesem Land zu schaffen. Und dann würde sie selbst herausfinden, wer sie war, diese Ashexee Krasnajal.

 

 

XIV

Mesapontia, Phallokratie Terkonnia, 6.Juli 2.325, 12.Stunde

 

„Bei Lorns Sackplecks, verflucht heiß heute, Fremder, Woll?“

„Gewiss, mein Bester. Sagt, wo gelange ich zum Haus des Brunzon Rolp aus Mesapontia?“

„Bei allem Ptackaschiss auf meinem Dach, Ihr wollt zum fetten Brunzon, Timmon Hemmor nagele ihn dreimal täglich?“

Lorn, dem großen Gotte, war Fluchen mehr als wohlgefällig, stand es doch gleichrangig neben dem Gebet zu IHM. Dieser Mesapontier schien ein äußerst gottesfürchtiger Geselle zu sein.

„Seine Leibesfülle ist mir unbekannt, jedoch, gibt es hier mehr als einen Recken dieses Namens?“

„Ihr habt ne verflucht feine Zunge, bei Shakkas Norrissons Raudausikk, woll!“

„Wie auch immer, Brunzons Haus?“

„Ach ja, bei allen gerissenen Seilen, Brunzon, der Lurk, er wohnt da drüben, das Haus mit den Ptackanestern auf dem Dach. Der verfressene Faulpelz, möge Timmon ihn nageln, kümmert sich einfach nicht drum. Fressen, saufen und basten, mehr kann er nicht, woll?“

Tatsächlich machte das Domizil Brunzon Rolps aus Mesapontia einen recht abgerissenen Eindruck, die Fenster verdreckt, die Tür schief in den Angeln, überquellende Ledersäcke mit Abfall türmten sich am Rande. Die Ptackanester samt grünlichem Kot verliehen dem Anwesen eher noch eine malerische Note.

„Und wer seid Ihr, feiner Herr? Bei Fondsons gierigen Griffeln, kommt einfach hierher und stellt mir Fragen, woll. Nachher seid ihr noch ein lornverfluchter Steuereintreiber, woll. Solche, bei Timmon Hemmor…“

„Pflegt ihr an die nächste Wand zu nageln?“

„Hää?“

„Seid unbesorgt, werter Mann, ich bin nicht gekommen, Eure wacker erarbeiteten Taran zu entführen. Ich habe etwas Geschäftliches mit Meister Brunzon zu besprechen. Ajalas Troor von Kalantia ist mein Name. Hier, meine Karte.“

Der Mesapontier, in Lendenschurz und haariger bloßer Brust, das stachelige dunkle Haar mit tiefem Ansatz an der Stirn, starrte mit den blauen Augen auf Ajalas schlanke Hand, die ihm eine graue, kleine Karte reichte.

„Seid ihr schwul, Bürschchen?“ fragte der Recke, wich ängstlich einen Schritt zurück. Diese grausliche Erkrankung war bekanntlich ansteckend, jeder Mesapontier wusste das.

„Wollt Ihr mich beleidigen? Wo ist Eure Klinge? Nur Blut kann derlei Unverschämtheiten sühnen.“

Ajalas ließ das Kärtchen wieder verschwinden und hob die Linke zum Griff des Gladions über seiner Schulter.

Es war wahrlich möglich, der Mesapontier schaute noch dümmer drein als zuvor. Ein Karren rumpelte vorbei ins Dorf, gezogen von zwei tumben, mächtigen Ghormosauriern, hoch beladen mit Malpantol-Rüben – die Ansiedlung nannte eine Zuckermanufaktur ihr Eigen.

Der Fahrer, er zumindest trug ein Lederhemd und kurze Hosen, rief herüber:

„Sporkas, Du schaust wie von der Spinne gebissen. Was quatschst da mit dem feinen Pinkel aus der Fremde? Ein Kalantier, woll?“

Mit scharfem Auge hatte der Fahrer das Amulett um Ajalas Hals erspäht, einen kleinen stählernen Tyrannosaurus, Clanswappen Kalantias.

„Werter Mann, wollt ihr unser Zeuge sein? Dieser Herr hier, Sporkas wohl sein Name, hat mich beleidigt.“

Sporkas brachte mit Mühe hervor:

„Aber… bei Arnolon Shwazeggs Muskeln, ich habe gar kein Schwert. Ich arbeite in der Zuckermanufaktur. Ich meine… eehh, können wir nicht Brooweln? Mit den Fäusten bin ich gut, bei Shakkas Norrissons tödlichem Tritt, woll?“

„Die Klinge muss es sein. Es sei denn, Ihr nehmt Eure ungeheuerliche Anschuldigung zurück.“

Der Karren hatte gehalten, eines der Ghormos entlud den Darm, ländliche, intensive Düfte verbreiteten ihren herben Charme und lockten Fliegen an. Des Wagens Fahrer musterte interessiert Sporkas und den Fremden aus der Hauptstadt Kalantia.

„Uhh… ehh.. war nicht so gemeint, woll. Also, muss eigentlich arbeiten, der Brunzon wohnt ja da drüben gell, geht einfach rüber, schläft bestimmt noch seinen Rausch aus.“

„Ich akzeptiere Eure Entschuldigung, Mann aus dem Clan Mesapontia.“

„Was wollt Ihr denn von Fettarsch Brunzon, Fremder?“

Der Fahrer des Karrens musterte Ajalas eingehend. Recht jung war der Kalantier, hochgewachsen, doch schlanker als bei Kriegern üblich. Auch trug er zwar eine Klinge mit stark abgewetztem Griff, doch nicht die Lederuniform eines Regiments, stattdessen Jeanhosen und ein weißes Amshahemd, sein blondes, lockiges Haar wallte auf die Schultern, ein schmales ledernes Band hielt die Locken aus den grünen Augen.

Der mesapontische Karrenbesitzer konnte sich gut vorstellen, wie die Lumas das Bürschchen umschwärmten. Sicher gab es viele kleine Schlampen, die einem so schönen, verwöhnten Maastor zu dienen wünschten, statt rechten, hart arbeitenden Männern.

Sporkas trollte sich, wieder Lorn mit saftigen Flüchen und Verwünschungen ehrend.

Ein Dostek Ball flog heran und landete nahe des Karrens im Dreck, träge beäugt von einem der Ghormos. Eine Schar Jungs eilte herbei, stürzte sich auf das eiförmige Ding, begann eine Prügelei darum. Früh übt sich, wer ein Meister des männlichen Sports zu werden gedachte.

Ajalas erwiderte den Blick des Anderen ruhig. Der Mesapontier brummte und kratzte sich im graumelierten braunen Haar. Wie schon das Exemplar zuvor, nannte er lange Koteletten sein Eigen, eine eigenwillige Kombination mit der traditionellen Bürstenfrisur, beides zusammen Haartracht des Clans Mesapontia seit dunkler Vergangenheit.

„Vielleicht könnt Ihr mir etwas bereitwilliger Auskunft geben, den Herrn Brunzon betreffend.“

„Ist ein Tunichtgut. Fetter Lurk.“

Der Mann spuckte angewidert aus.

„Seit er beim Wettsaufen in der Stadt diese kleine Schlampe gewonnen hat, kommt er gar nicht mehr aus seiner Bruchbude, es sei denn zum Saufen und große Reden schwingen.“

Er deutete mit dem Kinn auf die Dorfkneipe zur Linken. Auf einem großen Schild prangten ein fettiges Schnitzel und ein schäumender Eejhlkrug. Einen schriftlichen Namen sah man nirgends. Die Analphabetenrate im Hinterland Mesapontias war hoch.

„Verstehe. Womit zahlt er denn das Eehjl und die andere Atzung?“

„Komische Sprache habt ihr, Fremder, woll? Nun, der Lurk lebt vom Erbe seines Vaters, der war unser Schmied. Die Schmiede war verwaist, als der Alte starb, obwohl Brunzon des Vaters Handwerk erlernt hatte. Jetzt ist ein neuer Schmied aus der Stadt da. Nicht so gut, wie der Alte, aber…. Woll?“

Der stärkste der Knaben, aus einem Cut an der rechten Braue blutend, hatte den Dostekball in seinen Besitz gebracht und warf ihn. Die Kinderschar stob johlend und gröhlend hinterdrein.

„Das Erbe muss doch einmal aufgebraucht sein?“

„Sicher. Warum interessiert Euch das?“

„Ich habe dem Herrn Brunzon ein geschäftliches Angebot zu unterbreiten.“

„So, so. Na, dann viel Spaß. Zunächst müsst Ihr ihn wohl wecken, woll? Steht nicht auf, eh die Sonne wieder zu sinken beginnt.“

Der Karrenfahrer gab den Ghormos die Zügel. Eines der Tiere gab ein markerschütterndes Röhren von sich. Ohne weiteres Wort fuhr der Mesapontier von dannen.

Ajalas sah ihm nach. Wie höflich die Leute hier doch waren. Erfrischend geradezu. Dann wandte er sich dem Haus seines Zieles zu. Man hätte erwarten können, der schlanke Fremde wäre von den Dorfbewohnern neugierig gemustert worden, die Buben hätten ihr Spiel unterbrochen und ihn umschwärmt wie die Fliegen des Ghormos Haufen am Dorfeingang. Mitnichten, das Leben ging den gewohnten Gang, lediglich träge Blicke taxierten den Kalantier, als er durchs Dorf schritt.

Eine verschleierte Freie Frau, beladen mit einem großen Korb voller Talquije-Beeren, kreuzte Ajalas Weg. Er verbeugte sich formvollendet vor ihr und schenkte ihr ein berückendes Lächeln. Sie verhielt im Schritt, glotzte ihn an wie einen Dämon, setzte den Weg dann hastig fort. Derlei Höflichkeit dem verhüllten Geschlecht gegenüber schien hier selten zu sein.

Er erreichte Brunzons Haus. Von Nahem sah es noch weniger appetitlich aus. Der Müll zur Linken stank, von Fliegen umschwirrt, Maden wimmelten dicklich und weiß darin.

Der Kalantier trat zur Tür und klopfte. Nichts rührte sich, einzig einige Ptackas flogen aus den Dachnestern auf, die kleinen Flugsaurier flatterten eine Weile über dem Anwesen, ließen sich dann wieder nieder. Aus der nahen Schmiede drang langsames, rhythmisches Hämmern. Fern johlten die Buben beim Dostekspiel. Geschäftig krochen die Maden durch den duftenden Müll.

Gut, so kam er nicht weiter. Er hob das rechte Bein und ließ den gestiefelten Fuß mit aller Kraft gegen die Tür krachen. Die Tür erzitterte in den rostigen Angeln, das Holz ächzte wie ein aufgespießter Großsaurier, ein Geräusch, dass selbst Tote – oder Betrunkene – erwecken können sollte.

Tatsächlich regte sich etwas im Haus. Ein Fenster wurde geöffnet, etwas Dreck rieselte vom Fensterahmen zu Boden. Ein Mann zeigte sich, groß, verfettet, ein rotes, feistes Gesicht mit riesigem braunem Schnurrbart, den üblichen langen Koteletten und spärlichen Bürstenhaaren. Fette Wurstfinger kratzten verschlafen durch das Gestrüpp auf der Brust, blutunterlaufene Augen stierten beinahe blind herab zu Ajalas.

„Was ist los, Alter, was willste denn? Feiner Pinkel was? Hast Dich verlaufen?“

Der Fettsack rundete seine Fragen mit einem herzhaften Rülpser ab, der einem drei Meter großen und üblicherweise an die 5 Tonnen schweren Ghormo gut zu Gesicht gestanden hätte. Der Rülpser ließ die Ptackas auf dem Dach erneut aufsteigen, eine Weile umkreisten sie hektisch das Haus.

„Brunzon Rolp? Mein Name ist Ajalas Troor von Kalantia. Ich wünsche Euch in dringender geschäftlicher Angelegenheit zu sprechen.“

„Ha, ein Patrorensöhnchen aus der Hauptstadt. Liegt Kalantia noch im Westen, oder ists mittlerweile nach Gysanien zu den Schwulen teleportiert?“

„Ich schätze Männer mit Humor. Jedoch gedenke ich nicht, die bedauerliche Ausbreitung der Dekadenz in meinem Heimatclan mit Euch zu diskutieren. Kommt Ihr herunter oder muss ich mir weiter die Halswirbel verspannen, um zu Euch hinaufzusehen?“

„Können ganz gut so reden. Komme gleich wieder, muss pissen.“

Brunzon verschwand aus der Fensteröffnung.

„Mehr Information, als ich haben wollte,“ murmelte Ajalas und übte sich in Geduld. Vor der Zuckermanufaktur, dem größten Gebäude der Siedlung, versammelten sich halbnackte, muskulöse Männer. Zwei völlig nackte Sklavinnen verteilten von großen Tabletts Wurstbrote. Jemand schlug ein Fass an, Eejhl strömte in eifrig vorgestreckte Holzbecher. Eehjl zur Mittagspause, hier kannte man offensichtlich keine falsche Scham.

Eine der Lumas, ein hübsches kleines brünettes Ding, sah zu Ajalas hinüber und schenkte ihm ein Lächeln. Er warf ihr eine Kusshand zu, sie kicherte und stupste ihre Genossin in die Seite.     

Beide beäugten ihn nun und tuschelten. Die Männer achteten der Mädchen nicht, Eejhl und Wurstbrot beanspruchten jedes Quäntchen Aufmerksamkeit. Ein Mann brauchte klare Prioritäten.

Brunzon tauchte wieder im Fenster auf. Er puhlte mit dem Zeigefinger der Rechten in seinem dunkelumhaarten Bauchnabel, besah sich dann das Ergebnis. Mit der Fördermenge anscheinend zufrieden, nickte er und schnippte sie nach draußen.

„Wo waren wir stehen geblieben, Kleiner?“

„Ein Geschäft. Ihr und ich.“

„Was wollt ihr denn? Hab ich jemandem in der Stadt die Fresse poliert und weiß es nicht mehr? Am Ende seid ihr noch ein Lowurhelbur. Mit Rechtsverdrehern mach ich kurzen Prozess.“

„Mitnichten, mein Herr. Ihr nennt eine Luma Euer Eigen, die ihr jüngst in der Stadt beim Wetttrinken gewannt.“

„Das wohl, bei Lorns Eejhlstube und seinen göttlichen Eiern. Geiles Ding, hält aber nicht viel aus. Zu zerbrechlich, diese Slatts aus Fenlora.“

„Mir deucht es passend, dass dies Weib Euch zu schwach erscheint. Ich wünsche sie Euch nämlich abzukaufen.“

Das war Brunzon einen weiteren Rülpser wert. Wie die sporadischen Eruptionen eines Vulkans der nördlichen Bergwildnis die dortigen großen Flugsaurier ein ums andere Mal aufsteigen ließen, schienen auch des Mesapontiers Verdauungsvorgänge ähnliches bei den Ptackas zu bewirken.

Ajalas betrachtete der kleinen Echsen Treiben eine Weile, auf eine etwas ausführlichere Kommentierung seines geschäftlichen Vorschlags wartend.

„Was willst denn mit dem Miststück?“

„Schert es Euch? Ich biete Euch einen guten Preis.“

„Ich sag Dir mal was, woll? Erstens kann ich feine Patrorenpinkel nicht leiden. Zweitens, kommt mir der Seiber hoch, wenn ich Kalantier seh, und… äh…“

„Drittens…“ sprang Ajalas hilfreich ein.

„Äh, genau, drittens. Drittens ist das meine Luma, ich hab sie gewonnen beim Saufen, und ich geb sie erst ab, wenn sie nicht mehr kann.“

„Ihr wollt sie mir also nicht verkaufen?“

„Nein, bei Lorns Sackplecks und allem schalen Eehjl! Fahrt zur Dämonenwelt, blöde Schwuchtel!“

Das war deutlich. Ajalas seufzte. Derlei hatte er befürchtet. Es war selten einfach in seinem Geschäft, und beim Anblick des Kerls hatten alle Alarmglocken in ihm losgelegt.

Es musste also anders gehen.

„Mir will scheinen, Ihr habt gerade einen Adligen beschuldigt, homosexuell zu sein.“

„Was? Oh, ja, klar hab ich das. Ich sags gern nochmal : Du bist ne kleine Schwuchtel. Verpiss Dich, bevor ich runterkomme und…“

„Ich verlange Genugtuung. Ich, Ajalas Troor von Kalantia, spreche eine Tschellengor aus. Stellt Euch mir im ehrlichen Kampfe, oder entschuldigt Euch vor Zeugen.“

Brunzon stierte zu ihm herab. Ein Husten brach sich Bahn aus den Tiefen seines tonnenförmigen Leibes, schüttelte ihn, sein Gesicht wechselte von rot zu purpur.

Ajalas wartete geduldig, bis sich des Fettwanstes Bronchien beruhigt hatten.

„Nun, was sagt Ihr?“

„Ne Tschellengor? Kannste haben, Du Winzling. Ich wähle Brooweln, und ich werde die Scheiße aus Dir rausprügeln.“

„Schön. Wenn Ihr dann die Güte hättet, herunter zu kommen?“

Der Mesapontier glotzte verblüfft zu Ajalas herab.

„Du hältst Dich wohl für ganz toll, Kleiner, was?“

„Der Sieger der Tschellengor erhält die Schlampe, und so Ihr siegt, zahle ich Euch 500 Taran Entschädigung.“

„Fünf… bei Fondsons Gier, gemacht, Du Pisser. Warte, ich komm runter. Lauf ja nicht weg…“

Dergleichen hatte Ajalas nicht vor. Im Haus polterte es vernehmlich, dann war ein fleischiges Klatschen und ein weibliches Stöhnen zu hören. Der Kalantier verzog angewidert das Gesicht.

Wie gering scheinbar im Dorf das Interesse an dem Fremden auch gewesen war, wie durch Zauberhand schien sich die Kunde verbreitet zu haben, es gebe eine Tschellengor.

Jedenfalls füllte sich die Gegend um das Haus rasch mit Menschen. Die Arbeiter der Zuckermanufaktur kamen ebenso herüber wie die beiden nackten Lumas, die Buben hatten ihr Dostekspiel beendet und versammelten sich ebenso wie weitere Männer und verschleierte Weiber.

Im breiten Dialekt der Mesapontier tauschten die Männer Meinungen und Einschätzungen aus. Gewiss, bei Arnolon Shwazeggs Muskeln, war der kleine, schmächtige Kalantier kein Gegner für Brunzon, den gefürchteten Prügler. Andere dagegen meinten, bei Shakkas Norissons Raunhausikk, der flinke, listige Junge würde dem fetten, lahmen Lurk zeigen, wo Timmon Hemmor den Hammer hängen hatte. Im Nu waren Wetten abgeschlossen, ein Kampfplatz wurde abgesteckt.

Ajalas legte ruhig den Waffengurt ab, schlüpfte aus Stiefeln und Hose, knöpfte sein Hemd auf. Freie Frauen glucksten verstohlen, als sie seiner haarlosen Brust gewahr wurden.

Die Tür des Hauses öffnete sich, eine junge Frau, gestoßen von harter Hand, taumelte hinaus. Nackt war sie, der Körper von blauen Flecken übersät, die Arme mit Lederriemen auf den Rücken gebunden, das braune Haar ungewaschen und blutverklebt. Sie landete auf den Knien, hob nicht den Kopf.

Des jungen Kalantiers Gesicht blieb ausdruckslos. Indes beschloss er in diesem Moment, Brunzon mehr als nur einen Knochen zu brechen.

Jener, nun putzmunter, folgte seiner Luma nach draußen. Immer noch trug er nur den Lendenschurz, sah man von einer Schicht schweiß- und dreckverklebten Körperhaares ab, dass ihn, wie der Pelz ein  ekliges Pleck, bedeckte.

Direkt aus einem Propagandamapazak der Fenloras entsprungen, dachte Ajalas trocken.

Der Kerl versetzte der Luma noch einen beiläufigen Tritt, der sie der Länge nach in den Dreck schickte, und baute sich dann vor Ajalas auf.

Nur die mesapontischen Riesen sahen Ajalas als klein und schmächtig, an die 1,80m war er, mit sehnigem, trainierten Körper. Neben Brunzons gewaltigem Leib jedoch wirkte er wie ein Knabe. Brunzon grinste breit, siegesgewiss, rülpste auf den jungen Kalantier hinab.

Das fiel eindeutig unter chemische Kriegsführung, doch Ajalas sah von einem Protest ab. Der Restalkohol in seinem Gegner war noch immer hoch, so schloss er aus den herabwehenden Düften. Gut.

Die Dorfbewohner erwarteten sichtlich gute Unterhaltung, ein Schauspiel, dass Stoff für die Gespräche in der Dorfkneipe geben würde. Ajalas indes dachte in anderen Kategorien. Dies war kein Sport, sondern Arbeit. Er war ein Profi, und die Mesapontier, vor allem Meister Brunzon vom mächtigen Rülpser, würden das bald erfahren.

Einer der Bürstenhaarigen, in ein rotes langes Gewand gehüllt, trat vor, blickte ernst von einem zum Anderen.

„Ich bin Zegolias, Priester Lorns am Orte. Schiedsrichter der Tschellengor will ich sein, so beide Recken einwilligen.“

„Von mir aus. Da gibt’s wenig zu schiedsdingsen, woll? Haue den Pisser zu Klump und fertig.“

Zegolias nickte ernst, sah Ajalas fragend an.

Der Kalantier reckte sich, lockerte die Muskeln.

„Ich bin einverstanden, ehrenwerter Zegolias.“

„Gut, dann reicht Euch die Hände.“

Ajalas streckte Brunzon die Rechte entgegen. Der Mesapontier spuckte aus, griff dann nach der sehnigen Hand, bereit, sie zu zerquetschen. Nur kurz berührten sich die Finger beider ungleicher Männer, dann zog Ajalas die Seine zurück, viel zu schnell für Brunzon, der die leere Luft quetschte. Er glotzte zunächst verblüfft, dann schnaubte er und entließ einmal mehr einen satten Rüplser.

Der Priester hob die Arme. Das Gerede der Menge verstummte.

„Möge der Kampf beginnen. Der bessere Mann wird siegen.“

„Ich werde siegen, Zeg! Ich zerquetsch…“

Weiter kam Brunzon nicht. Sehr schnell ging es, und gewiss enttäuschend für die Zuschauer war es. Beim Brooweln war alles erlaubt, boxen, ringen, treten – und feinere Arten des waffenlosen Kampfes. Die tödliche Kante war Ajalas Spezialität. Schnell, sehr schnell sein Angriff, präzise und hart seine Schläge und Tritte. Er brach dem Mesapontier in Sekundenschnelle mehrere Rippen, das Brustbein, eines der Schlüsselbeine, den Kiefer und beide Kniescheiben. Wie ein Ghormo in des Tyrannos Fängen brüllte Brunzon auf, brach wie ein unbelebter Sack aus Fleisch und geborstenen Knochen zusammen.

Das Brüllen ging in hohes Wimmern über, er erbrach sich, zitterte wie ein Wurm im Dreck.

Manchmal, so dachte Ajalas, während er in die Grundstellung zurückging, konnte die Arbeit sehr befriedigend sein.

Perplexes Schweigen lag über der Menge. Keiner hatte je einen solchen Kampf gesehen. Doch war es ein Kampf gewesen? Eine Bestrafung eher, jedoch ging das den Mesapontiern wohl nicht auf.

Ruhig nahm Ajalas, nicht einmal außer Atem, seine Kleidung wieder auf, legte sie bedächtig an. Den beiden Lumas in der Menge, ihn mit leuchtenden Augen anhimmelnd, schenkte er ein feines Lächeln.

Der Priester Lorns erholte sich als  erster von der Verblüffung, räusperte sich, zunächst den wimmernden Haufen Fett im Dreck musternd, dann Ajalas mit Respekt zunickend.

„Zweifellos ist der Fremde Sieger. Der Preis der Tschellengor gebührt ihm.“

„Wohlan denn. Die Luma ist mein. Legt ihr eine Halsleine um. Und sorgt Euch um den armen Meister Brunzon. Mir deucht, er ist etwas unpässlich.“

Zegolias nickte ernst, auf einen Wink legte einer der Umstehenden dem Sklavenweib eine lederne Halsleine um. Andere scharten sich nun um Brunzon am Boden.

Ajalas, wieder voll bekleidet, band den Waffengurt um, rückte des Gladion Griff über der Schulter zurecht und schritt zu der Sklavin hinüber. Er ging neben der jungen Frau in die Hocke, fasste sie sanft doch fest an den schmalen Oberarmen und zog sie hoch.

„Komm, Luma, wir gehen. Ich bin jetzt Dein Maastor.“

Ein von Schlägen verquollenes Gesicht, die braunen Augen erfüllt von Schmerz und Hoffnungslosigkeit, sah sie ihn und doch nicht. Mechanisch, wie die magisch belebten Puppen im Domi Wandor – Haus der Wunder -  zu Kalantia, gehorchte sie, ließ sich von dem jungen Mann hochziehen, folgte ihm an der Leine, als er ihnen einen Weg durch die Mesapontier bahnte.

Ohne weiteres Wort verließ Ajalas mit seiner im heiligen Kampf der Tschellengor erworbenen Luma das Dorf.

Auf dem Weg, wenige Minuten hinter der Ansiedlung, wandte er sich zu der Sklavin um.

„Es sind mehrere Stunden Fußmarsch zur Stadt. Fühlst Du Dich stark genug dazu?“

Diese, aus eines terkonnischen Sklavenherren Munde, sehr merkwürdige Frage durchbrach den Panzer aus Grauen und Verzweiflung, der die junge Geschundene umhüllte.

 Leben kehrte in den Blick zurück, verwundert sah sie den Blonden an.

„Fasst Mut, Nelianee Flirosov aus Panestigua.“

„Wo.. woher kennt Maastor meinen Namen?“

Unverkennbar ihr Schulterkonnisch, erlernt in einem fenlorischen Klassenzimmer in glücklicheren Tagen. Ajalas lächelte.

„Eure Eltern haben mich gedungen, Euch zu finden und heim zu bringen. Wie ihr mitbekommen haben solltet, bin ich recht gut in meinem Berufe. In Mesapontia-Stadt wird uns ein Teleport nach Zikadri in Lavendra bringen, von wo ihr über des Zarijats Botschaft nach Hause gelangen könnt.“

Die junge Fenlora brach in Tränen aus. Dieser Moment bei einem Auftrag war es immer wieder wert, fand Ajalas.