JIKAILA 6 (GERMAN LANGUAGE)
Seelenheilungshaus zu Telvenkeskua, 2.Tag des Tyrannomondes (2.Juli), 2.325, in der Nacht
Sie waren tot, und doch gingen sie. Tot, und doch hallten ihre Stimmen in ihr wider. Mörderin nannten sie Ashexee, gemeine Mörderin. Warum hast Du mich getötet, ich hatte Weib und Kinder zu Hause? So sprach ein Toter mit zerfetztem Leib. Ich war noch so jung, klagte eine kleine dunkelhäutige Frau, den Kopf von einem Schwertstreich halb abgerissen.
Fliehen, den Stimmen, den toten Augen, der Mörderin in ihr entgehen, war ihr einziger Gedanke. Sie wanderte durch Türme, Hallen, Straßen, Wälder, Berge. Die Toten fanden sie stets, ihre Stimmen verließen sie nicht.
Auf einem Berggipfel, am Himmel merkwürdige große Flugtiere, wie riesenhafte Fledermäuse, oder waren es Drachen, wich der Ring der Gemeuchelten zurück, machte Platz für einen großen Mann in lederner Rüstung, ein langes, gerades Schwert in der Hand.
Auch sie trug Leder und ein Schwert, ihres jedoch mit gebogener Klinge.
So war es immer gewesen. Woher kam dieser Gedanke?
Der Mann sprach, tief und fest war seine Stimme. Kämpfe oder ergib Dich.
Nie hatte sie sich ergeben, niemals. Vielleicht, wenn sie es diesmal tat?
Der Mann verschwand. Ein tiefe Höhlung, Rascheln und Fiepen, hoch, fast unhörbar. Sie spürte Angst. Ein schwarzes, behaartes Bein. Eine große Spinne löste sich aus der Dunkelheit. Da waren noch mehr, wimmelten in der Schwärze.
Wieder wollte sie fliehen. Ein totes Mädchen neben ihr klagte über ihre Grausamkeit, sie getötet zu haben.
Ein Gasthaus, dampfende Speisen auf den Tischen, ein Feuer prasselte im Kamin. Die Toten, ihre Wunden klaffend wie rote Schlünde, hoben ihre Krüge und prosteten ihr zu.
Komm, trink mit uns, sprachen sie, in ihren trüben Augen waberte verborgen etwas Dunkles, dass sie zu belauern schien.
Sie zappelte in dem Netz milchiger, armdicker Stränge, hilflos, die Spinne kroch heran, ihre Fänge, haarig und glitschig, zuckten gierig.
Sie schrie. Der große Mann stopfte ihr einen Knebel in den Mund, sie zerrte an den Lederriemen, die ihren Leib banden. Die Toten musterten sie, nie nachlassend in ihrer Klage.
Gefesselt, wie sie war, wand sie sich von ihnen, der Spinne, dem grimmigen Mann, weg, nach hinten, in den Abgrund. Sie fiel. Splitter mit kleinen Bildern leuchteten in der Finsternis, stürzten mit ihr. Die Stimmen der Toten verstummten.
Ashexee erwachte in der Dunkelheit, gebadet in Schweiß, eingewickelt in das weiche, nun feuchte Laken wie in die Bande einer Spinne, einen Schrei auf den Lippen. Nur ein Gurgeln entwich ihrer Kehle. Sie atmete mehrmals hastig durch, wickelte sich dann aus dem Laken. Vor dem Fenster flatterte eines der kleinen Flugtiere vorbei, die von den Menschen hier Ptackas genannt wurden.
Im Bett nebenan wälzte sich ihre Zimmergenossin im Schlaf herum. Ashexee griff nach dem Holzbecher auf ihrem Nachttisch und trank den kalten, bitter schmeckenden Tee, den ihre Heilerinnen für eine Art Universalheilmittel zu halten schienen. Shilje, hieß das Zeug. Sie verstand die Sprache, fenlorisch, ihr Name, das Einzige, an das sie sich erinnerte, war fenlorisch, doch die Namen der Tiere und Pflanzen, der Orte und Flüsse, nichts davon sagte ihr auch nur das Geringste. Die Sitten hier waren ihr fremd, alles hier war irgendwie falsch. Der Gedanke bereitete ihr stechende Kopfschmerzen und eine widerliche Übelkeit im Hals.
Normal bei Amnesie, hatten ihr die Heilerinnen versichert, selbstsicher und arrogant. Wenigstens dies schien angemessen für diese Zunft. Nicht alles war unvertraut an diesem fremden Ort.
Zunächst hatte frau die junge Dunkelhaarige für eine Geisteskranke, eine von Sheila berührte, gehalten. Als sie jedoch, in der Nacht magisch in Schlaf versetzt, am folgenden Vormittag erwacht war, zeigte sie keine Symptome der gefürchteten Erkrankung mehr. Sie hatte jedoch offensichtlich jede Erinnerung an ihr voriges Leben, ja an Terklora selbst, verloren.
Die Heilerinnen hielten sie zur Beobachtung im Haus, seit dem zweiten Tag in der offenen Abteilung der Seelenheilstätte.
Die junge Frau, die sich Ashexee Krasnajal nannte , zeigte sich freundlich und geduldig, ihr Schicksal, die verlorene Erinnerung scheinbar gelassen hinnehmend, und zeigte zudem reges Interesse und sichtliches Mitgefühl mit den anderen Kranken hier. Auch die Schwestern mochten sie, die oft ein schiefes Lächeln aufsetzte und unbewusst Haarsträhnen um die Finger ihrer Rechten wickelte.
Eine Untersuchung hatte gezeigt, dass sie etwa 20 Jahre alt und körperlich völlig in Ordnung war, sogar sehr fit. Dem Alter nach hätte sie am Ende ihres Wehrdienstes sein müssen. Eine Anfrage bei der Legion und dem Zentralregister der Schwesternschaft in der Hauptstadt Targomua lief noch. In Telvenkeskua selbst war jedenfalls keine Krasnajal, Ashexee gemeldet, selbst der Familienname Krasnajal war unbekannt.
Sie fuhr sich durch die verschwitzte dunkle Mähne und kletterte aus dem Bett. Der lederbespannte Steinboden war kühl. Sie genoß das Gefühl an ihren bloßen Füßen. An diesem Ort war es auch in der Nacht sehr warm. Es war Sommer, der hier sehr heiß werden sollte, hatte es geheißen. Sie sog alle Informationen gierig auf, die ihre Mitmenschen ihr, meist beiläufig, vorsetzten. Merkwürdigerweise konnte sie auch fenlorisch lesen, und Tag für Tag arbeitete sie sich durch die Werke der kleinen Bücherei des Hauses, nachdem sie zunächst die bunten Zeitschriften im Aufenthaltsraum verschlungen hatte.
Entschlossen war sie, diese Ashexee Krasnajal, das hatten Heilmagas und Schwestern ebenfalls schon festgestellt. Sie wusste nichts mehr über ihre Welt, ihre Heimat Fenlora? Sie würde es lernen, so schnell wie möglich.
Die Damen Magas in ihren gelben Kleidern und den eleganten Overkneestiefeln gleicher Farbe hatten Ashexee versichert, ein gut gewirkter Zauber könne ihre Erinnerung wecken, alles zurückbringen, was sie verloren. Irgendwie hatte Ashexee ihnen nicht geglaubt, gewusst, das nichts Gutes daraus erwachsen würde. Tatsächlich hatte der Zauber ihre Erinnerung nicht zurückgebracht, aber stattdessen die Albträume erweckt, die sie nun Nacht für Nacht quälten. Die Heilmagas machten nachdenkliche, gewichtige Mienen und nickten wissend.
Ashexee aber wusste, das die Damen gar nichts wussten. Die Heilkunde, die Magie, die jede hier so selbstverständlich nahm, konnte ihr nicht helfen.
Die blasse Dunkelhaarige schlüpfte in weiche Amshaunterwäsche und zog eine knappe, leichte Tunika in blau darüber. Die Farbe blau gefiel ihr irgendwie. Die Farbe der Frau, im Gegensatz zum Rot des Mannes, so sagte die Schwester, die ihr beim Auswählen der Kleidung geholfen hatte. Sie nahm die flachen, leichten Stoffschuhe, Tamis genannt, zur Hand und zog sie über die Füsse. Ashexee verspürte Hunger, sie schien immer Hunger zu haben. Schneller Stoffwechsel, hatte eine andere Schwester, ein mütterlicher, fülliger Typ, dazu gemeint. Was war ein Stoffwechsel? Sie hatte es nachgelesen, wie so vieles. Aber es gab noch soviel mehr zu wissen.
Sie verließ leise das Zimmer und glitt lautlos auf den Gang. Magisches Licht erhellte diesen, aus Lampen unter der Decke. Solche Dinge, die Zauber gespeichert hielten, die jeder Mensch, auch Nichtzauberer, auslösen konnten, nannte frau Artefakte. Die selbstverständliche Art mit den geheimnisvollen Kräften der Magie umzugehen, erfüllte Ashexee mit Unbehagen, ohne den Grund dafür zu kennen.
Weiter hinten im Gang wischte ein schmächtiger Mann in kurzer gelber Tunika den Boden. Ein Sklave des Heilungshauses. Noch so eine Sache, die sie mit Unbehagen erfüllte, sich irgendwie falsch anfühlte, sehr falsch. Alle Männer in Fenlora, diesem Land hier, waren Sklaven, rechtlos, zum Arbeiten und Lust spenden geboren oder gezähmt. Nur Frauen waren frei. Anderswo sollte es Länder geben, wo die Männer herrschten und die Frauen versklavten. Fenlora lag mit diesen Männerländern, Phallokratien genannt, in unversöhnlichem Krieg, angeblich seit Anbeginn der Zeit.
Ashexee näherte sich dem Sklaven, der sie nicht kommen hörte. Lautlos wie ein Raptor, auch das hatte jefrau hier über sie gesagt.
„Hallo.“
Überrascht sah der junge Mann auf. Kurz glitt sein Blick über ihre langen, blossen Beine, hinauf zu ihrem Busen, bis zu ihrem Gesicht. Leichte Röte überzog seine Wangen und er senkte hastig den Blick, neigte tief den Kopf.
„Herrin?“
„Du bist Arl, nicht wahr? Wie geht es Dir?“
„Ahh, der Sklave freut sich, dass Herrin seinen Namen behalten hat. Arl geht es gut, Herrin.“
„Steh doch auf, wenn Du mit mir redest.“
„Uh, wie Herrin befehlen.“
„Meinst Du, ich bekomme in der Kantine noch etwas zu Essen?“
„Da fragt die Schwestern im Wachzimmer, Herrin.“
Ashexee spürte, dass der junge Kerl sich unbehaglich fühlte. Wut stieg in ihr hoch. Sklaverei war falsch, böse. Ein Mensch war frei. Nur weil er ein Mann war… sie rief sich zur Ordnung. Ihr Gesicht hatte sich verfinstert, und Arl schrumpfte unter ihrem Blick, Angst in den Augen.
Sie lächelte schief und berührte ihn leicht am Arm.
„Es ist gut, danke.“
Sie wandte sich ab und ging in die andere Richtung zum Wachzimmer der Schwestern. Hinter ihr begann Arl wieder den Boden zu putzen.
Wenn sie etwas gegessen hatte, wollte sie noch etwas lesen, drüben, im Aufenthaltsraum. Ein Geschichtsbuch, über den Genderkrieg. Warum hassten sich Männer und Frauen hier nur so?
Die Kopfschmerzen kehrten zurück. Kleine, fallende Splitter in der Finsternis. Sie schloss die Augen und verhielt im Schritt. Plötzlich hörte sie den Sklaven atmen, roch sein Gemächt, das sich wegen ihr geregt hatte, sein Herz klopfte, schnell und hart. Er war über 12 Schritte entfernt.
Sie blinzelte. Die sensorischen Eindrücke vergingen, wie sie gekommen waren. Nach außen zeigte sie Geduld, Annehmen des eigenen Schicksals. Es schien ihr schlicht richtig zu sein. Doch wer war sie? WAS war sie?
Heimeliges Haus von Braat-Wild-Wechsel, im Batrallen-Kamm, Südost-Pogran, 2.Juli 2.325, vormittags
„Herein, herein, werter Papperlapapp. Wie schlicht eure Aufmachung. Nun, ich bin ja auch kein Ausbund an modischer Eleganz. Sagt guten Tag zu Klappel.“
Nulbo Papperlapapp lächelte höflich und schüttelte dem dicken Mann im rosablau quergestreiften Gewand die fleischigen, beringten Finger, beugte sich zu dem blauen Fuwupp-Mupp mit den gelben Punkten herab und streckte auch dem Tier die Hand entgegen.
Klappel schnüffelte und streckte dann sein gelbgepunktetes blaues Händchen aus, seine grünen Augen musterten den schlanken schwarzhäutigen Mann neugierig.
Das Fuwupp-Mupp gluckste und stieß ein energisches „Mupp!“ hervor. Mit dem anderen Händchen sammelte es ein dickes Blatt Papier vom Boden auf und zeigte stolz seine Künste. In Lesagaux hätte das Tierchen mit seinen Wachsstiftgemälden sicherlich eine Ausstellung bekommen. Wie peinlich, wenn man entdeckt hätte, dass die wunderbaren Werke den Patschegriffeln eines Tieres entstammten. Eine Idee für einen neuen Sketch? Nulbo machte sich eine geistige Notiz.
„Schönes Bild, Klappel. Du bist begabt, keine Frage.“
Klappel warf sich in die kleine Brust.
„Wupp, Fupp, Mupp, Mupp!“
„Zweifellos.“
Zufrieden wandte sich das Fuwupp-Mupp wieder seinen Wachsmalstiften zu, die Menschen ignorierend. Wären Menschen nur so unschuldig und gutartig wie Fuwupp-Mupps, dachte der Komödiant und seufzte.
Sein Gastgeber hatte ihn lächelnd beobachtet, während er mit Klappel sprach. Jetzt machte er eine einladende Geste hinüber zum Tisch am anderen Ende des Saales.
Zwischen Tür und Tisch hinten am Panoramafenster, das einen atemberaubenden Blick auf die Gipfel des Batrallen-Kamms gewährte, erstreckten sich Modellbäume, Berge und Flüsse auf dem Boden, dazwischen hölzerne Gebäudemodelle. Nulbo erkannte das Baxa in Targomua, den Turm der Freiheit in Taru-Vempp, den Maharani-Palast zu Adohya und andere weltberühmte Bauwerke.
Das Hobby des Gastgebers war es, in diesem Saal ein Miniaturterklora zu bauen. Pogranische Freizeitbeschäftigungen zeichneten sich gewöhnlich durch friedliche Beschaulichkeit aus, und Braat Wild-Wechsels, des großen Streichholzmagnaten, Spielerei war da keine Ausnahme. Einem Mann mit solchem Hobby konnte Nulbo trauen.
Auf dem Tisch, zu dem der Schwarze sich nun, vorbei an Minifarnwäldern, Festungen und berühmten Bauwerken, über winzige Saurierherden und stabdünne Überlandstraßen steigend, seinen Weg suchte, bemerkte er das halbfertige Modell des Lorntempels zu Zakunthi, älteste Kultstätte des phallokratischen Gottes im Lande der großen Krieger und Frauenzähmer.
Idioten allesamt, dachte Nulbo, ohne die und die genauso verrückten Weiber aus Fenlora wären wir die größten Sorgen los.
Braat Wild-Wechsel, das schüttere graue Haar in mehrere Richtungen stehend, hellgrüne Pantoffeln mit orangen Quasten an den Füßen, das blaurosa Gewand in den Augen schmerzend, ganz der verschrobene, gutmütige Märchenonkel, hatte bereits in einem ledernen, weißrot karierten Sessel hinter seiner Bastelstätte Platz genommen.
Nulbo musterte den Sessel vor dem Tische, sicherlich war er bequem und aus feinsten Materialien, allein, sich auf etwas zu setzen, das quittegelb und metallicgrau quergestreift war, bereitete dem Gysanier fast körperliche Schmerzen.
Andere Länder, andere Sitten. Die Pograner nannten nun einmal einen äußerst eigentümlichen, um nicht zu sagen, entsetzlichen Farbgeschmack ihr Eigen.
Der Sessel war tatsächlich sehr bequem, und Nulbo lehnte sich zurück, schlug die Beine in der blauen, schlichten Jeanhose übereinander und schenkte Wild-Wechsel eines seiner berühmten, zahnintensiven Bühnenlächeln.
„Meine Güte, ihr seht wirklich so aus wie auf den Plakaten. Meine Nichte sah Euch letzte Woche in Delmengu. Schreiend komisch sollt ihr gewesen sein. Ich hatte erwartet, Euch heute ebenfalls in der roten Haarbürste zu sehen, die ihr auf den Plakaten zur Schau stellt. Es überrascht mich, dass es nur eine Perücke ist.“
Nulbo, den Kopf kahl wie ein Ei, ließ sein Lächeln verschwinden.
„Privat bin ich ein zurückhaltender Mann, der seine Privatsphäre schätzt. Auf Tournee hier in Pogran ist es erträglich, daheim in Gysanien jedoch kennt jeder Nulbo Papperlapapp, den dauerschwätzenden Neger mit dem roten Bürstenhaar. Ich bleibe lieber unerkannt, wenn ich im Restaurant speisen will und dergleichen.“
„Ich verstehe. Nun, natürlich ist es auch von Vorteil, hier unbekannt zu bleiben. Eure Verbindung zu FREIHEIT FÜR ALLE ist geheim, sagte man mir?“
„Und so soll es bleiben.“
„Seid unbesorgt, niemand weiß von eurem Besuch bei mir. Auch was wir besprechen, bleibt unter uns Beiden und Klappel. Er kann sehr verschwiegen sein.“
„Mir will scheinen, ich bin nicht der einzige Komödiant im Heimeligen Haus.“
Heimeliges Haus – Domizul Schnuddelib – nannte Wild-Wechsel sein Märchenschloss am Fuß des Batrallenkammes, nahe seiner großen Schwefelminen, die ihn zum Streichholzkönig gemacht hatten. Zumindest in den Phallokratien und egalistischen Staaten des Westens kam man – oder frau – an Streichholzschachteln mit den zwei roten Ws nicht vorbei. Ob zum entzünden von Lampen, Kochfeuern oder Zigaretten, die DoppelW-Streichhölzer mussten es sein.
„Ihr schmeichelt mir, lieber Papperlapapp.“
„Nennt mich doch Nulbo. Dieser andere Name bezieht sich auf den grinsenden Spaßmacher, ich bin jedoch hier als der Mann, der als Kind vom heimischen Dorf in Ovambo in gysanische Sklaverei verschleppt wurde.“
„Ah, ich sehe, ihr kommt rasch zur Sache. Ich fürchte, wie stets steht es nicht gut um unser gemeinsames Anliegen. Das Sklavereigeschäft blüht und gedeiht, in welches Land man auch blickt. Mehr, als Demonstrationen organisieren und Spenden sammeln, um soviel Unglückliche wie möglich wieder freizukaufen, bleibt uns nicht zu tun. Auch in Eurem Land haben die Tierschützer stärkeren Zulauf als die Gegner von Sklaverei und Menschenhandel. Hier in Pogran zumindest ist das Los der Sklaven besser als in vielen anderen Gegenden. Doch kein Oplu-Grand wird die Sklaverei abschaffen, nur weil ich oder andere ihm ins Gewissen zu reden versuchen.“
Ja, die Oplu-Grands, Großfürsten des Oplu Unido Pogran, des pogranischen Reiches, dachten, wie alle Mächtigen, lediglich an Erhaltung des Status Quo und ihrer Macht. Die sozialen und ökonomischen Verwerfungen, die eine allgemeine Abschaffung der Sklaverei mit sich gebracht hätten, wollte beim besten Willen niemand auf sich nehmen. Dabei waren Zahl und wirtschaftliche Bedeutung der Sklaven in Pogran noch relativ gering.
Anders in Ländern wie Terkonnia oder Fenlora. Sämtliche Männer Fenloras, über 30 Millionen Menschen, waren Sklaven, und jede zweite Frau im erzphallokratischen Terkonnia hatte jedem Wort und Wink eines Maastors zu gehorchen. Die Terkonnier hatten die ganze verabscheuenswerte Institution gar mit einem religiösen Überbau versehen. Lorn, ihr großer Gott, war nicht nur mächtiger Krieger, sondern auch Sklavenherr. Seinem Willen folgend, suchten die terkonnischen Recken die Matriarchate der Welt zu bezwingen und die Bewohnerinnen in fügsame Sklavinnen zu verwandeln. Willkommen, Genderkrieg. Wenig überraschend, wollten sich das die Frauen nicht einfach gefallen lassen. Hallo, EWIGER Genderkrieg. Es schien keinen Weg zu geben, diesen Konflikt, der Terklora prägte, zu beenden. Oder nein, es gab einen Weg. Eine der beiden Seiten konnte den Krieg gewinnen und die andere auslöschen.
Und das Schlimme war, dass die Weltlage genau darauf zusteuerte. Die Zarija Alura Maslov, Herrscherin Fenloras, bereitete ihr Land zielstrebig auf den großen Endkampf mit dem terkonnischen Erzfeind vor. Auch in Terkonnia wusste man, was die Stunde geschlagen hatte, die stolzen Herren der Schöpfung rangen lediglich noch darum, welchem ihrer Oberholzköpfe die Ehre gebührte, sie in die glorreiche Schlacht zu führen.
Der Krieg kam, nicht eine der ständigen kleinen Metzeleien, die Hobbys von Fenloras und Terkonniern zu sein schienen, nein, der große, der entscheidende Krieg. Glaubte eine Seite im Ernst, die andere völlig besiegen und versklaven zu können? War ihnen nicht klar, dass weder stolze fenlorische Frauen noch selbstbewusste terkonnische Supermänner jemals aufgeben, sich dem anderen Geschlecht beugen würden? Lang und blutig würde es werden, und die humanitären und wirtschaftlichen Folgen der Katastrophe würden die ganze Welt erschüttern.
Schlimmer noch als die Sklaverei war dies, und deswegen war er hier, beim prominentesten Vertreter von FREIHEIT FÜR ALLE in Pogran, einem zwar phallokratischen, aber neutralem und wohltuend pazifistischen Land.
„Die Sklaverei ist nicht das einzige Problem auf den Schultern der Welt. Der Genderkrieg und seine drohende Verschärfung beunruhigen mich persönlich zur Zeit mehr.“
„Wohl gesprochen, lieber Nulbo. Allein, was sollen wir tun, Privatmänner nur, wenn auch Vermögende?“
„Mir sang ein Plappatacka, ihr pflegtet gute Kontakte zum lavendrischen Geheimdienst.“
Braats Miene zeigte Verblüffung.
„Ich? Wie kommt ihr auf derlei verschrobene Ideen?“
„Möchtet ihr die Streichholzproduktion an den Nagel hängen und an meinem Haus anfangen? Schauspielerisches Talent Eurer Klasse ist selbst in Lesagaux selten.“
Nulbos zweites Standbein, und seine wahre Liebe, neben den komödiantischen
Auftritten, die ihn reich und berühmt gemacht hatten, war ein kleines Theater, dessen Stücke er selbst schrieb und produzierte.
„Es scheint schwer, Euch zu täuschen. Darf ich Euch umgekehrt eine Anstellung als Rechnungsprüfer in MEINEM Haus anbieten?“
„Zurück zum lavendrischen Geheimdienst.“
„Natürlich. Tatsächlich hält man mich von dort auf dem Laufenden. Meine Gegenleistung besteht in gewissen finanziellen Zuwendungen und anderen materiellen Elementen.“
„Ich verstehe. Ich frage Euch nicht, was die Lavendrer von der Lage halten, denn dies ist mehr als offensichtlich.“
Lavendra, egalistisch, also in Geschlechterfragen dem Prinzip der Gleichberechtigung folgend, lag südlich Gromiens und war Zentrum des Intergenderhandels, ermöglichte also Terkonnia und Fenlora, über den Umweg neutrales Lavendra, miteinander zu handeln. Dieser ökonomischen Rolle verdankte das kleine und militärisch schwache Land seine fortgesetzte Existenz. Der Intergenderhandel war übrigens beträchtlich, vor allem der Sklavenhandel. Obwohl der Gleichberechtigung huldigend lehnten die LavenderInnen die Sklaverei keineswegs ab, folgten lediglich auch hier rigoros der Gleichbehandlung der Geschlechter.
Besonders grotesk war, dass die bitteren ideologischen Feinde Phallokratien und Matriarchate ihre VerbrecherInnen und andere Unerwünschte gerne als SklavInnen über Lavendra an die Gegenseite verschacherten.
Zugegeben, auch der Freikauf von Männer und Frauen aus der Sklaverei im jeweils anderen System lief vor allem über Lavendra.
Was nun den Genderkrieg anging, hatten die EgalistInnen einerseits ein Interesse daran, dass er fortbestand. Nicht auszudenken die Folgen für das wohlhabende kleine Reich, sollten Fenlora und Terkonnia direkt miteinander zu handeln beginnen. Zum anderen jedoch konnte ein totaler Krieg ebenso wenig die LavenderInnen erfreuen. In dem Augenblick, da beide Seiten aufs Ganze gingen, wurde aus dem unbehelligten, bequemen Handelsplatz eine strategische und ökonomische Position, deren Eroberung für Recken wie Amazonen von immensem Vorteil sein musste. Die Aussicht, fenlorische Legionen und terkonnische Regimenter um die Trümmer ihrer Städte kämpfen zu sehen, musste schwerer noch wiegen als das Schreckgespenst eines wirklichen Friedens.
„Ihr wollt wissen, was Lavendra zu tun gedenkt.“
„Ja.“
Ein vernehmliches Rappeln ließ Nulbo kurz nach rechts blicken. Klappel, der anstrengenden Kunst der Malerei vorerst überdrüssig, wandte sich mit ähnlichem Eifer der Architektur zu. Er hatte unter dem Tisch seines Herrchens einen Kasten mit quietschbunten – dies hier war Pogran - Bauklötzen hervorgeholt und schickte sich an, in neue architektonische Bereiche vorzudringen, in denen noch nie ein Fuwupp-Mupp gewesen war. Nulbo lächelte warm.
„Der gute Ruf des lavendrischen Dienstes bezieht sich bekanntlich auf die Beschaffung von Informationen, nicht auf Aktionen, die den Lauf der Welt ändern. Sie sind nicht der TKM.“
Der TKM, Tadoka Kespenaiumon, war der Geheimdienst des Zarijats Fenlora, dessen weltweite Intrigen geradezu sprichwörtlich waren. Angeblich, zumindest wenn man der terkonnischen Propaganda glaubte, bestieg keine neue Herrscherin den Thron irgendeines Matriarchats außerhalb Fenloras gegen den Willen des TKM.
„Sie werden also nichts unternehmen.“
„Allein ein Diodarchor aus dem Clan Halikarnassia, zeitgleich mit einer Revolution des Kauffrauenordens Shakeshumon im Zarijat, vermöchte das Kommende zu verhindern. Und Lavendra wird das nicht zuwege bringen.“
„Ich weiß.“
„Wohlan, was erwartet ihr dann? Das Galaan herabsteigt und sie alle mit Liebe erfüllt?“
„Zynismus hätte ich von einem Philanthropen Eures Ranges nicht erwartet, Signol Wild-Wechsel.“
„Es ist Verzweiflung und Gram, die einen alten Mann bitter werden lassen.“
„Vielleicht müssen wir selbst etwas tun. Am Ende fällt ein Mann immer auf seine eigenen Fähigkeiten zurück.“
„Ist das aus einem Eurer Programme, mein Lieber? Der lornfürchtige terkonnische Holzkopf von nebenan?“
„Verzeiht, ich hätte sagen sollen, ein Mensch. Aber ansonsten meine ich es so. Man – oder frau – muss das Richtige tun, nicht, sich auf Andere verlassen.“
„Mupp, Fupp, Mupp!“
„Klappel scheint meiner Meinung. Ein kluger und aufrechter Bursche.“
„Klappel ist nicht objektiv. Ihr mochtet seine Bilder. Allein, ihr habt wohl Recht. Doch woran dachtet ihr? Alle anderen Clansherren durch einen Eurer Auftritte in tödliche Lachkrämpfe zu versetzen, damit der Weg für den Halikarnassier frei ist?“
„Ihr und ich, wir haben Möglichkeiten, andere, mehr geübt in der gefährlichen Tat, unseren Willen vollziehen zu lassen.“
„Doch was ist unser Wille? Wo ist der realistische Ansatz, mein Guter?“
„Kommen wir zurück auf Lavendra. Ein Krieger bin ich gewiss nicht, doch weiß ich wohl, dass Information eine der tödlichsten dem Menschen bekannten Waffen ist. Was wissen die Lavendrer denn, deren Netz man wie frau so rühmt?“
„Sie wissen viel, vermuten noch mehr. Es bedürfte viel Zeit, alles zu sichten und der Analyse zu unterwerfen.“
„Fupp, fupp, Mupp, Wuuuppp!“
„War das eine Freiwilligenmeldung?“
„Denkbar, Klappel ist sehr eifrig. Die Informationen existieren jedoch in schriftlicher Form, und das Alphabet hat er bislang noch nicht gemeistert.“
„Bedauerlich. Seine Integrität steht außer Frage.“
„Jemandem, der ihm die Haut poliert, würde er seine Mutter verkaufen.“
„Verstehe. Im Ernst, ich bin bereit, erhebliche Zeit und Mühen aufzuwenden, Material zu sichten, das ihr mir überlasst.“
„Das ließe sich wohl einrichten. Solange es die LavenderInnen nicht erfahren.“
„Gewiss nicht von mir.“
Beide schauten zu Klappel.
„Vielleicht zum Anfang ein grober Überblick, etwas Besonderes, aus der Reihe Fallendes.“
„Nun, Diodarchor Raliras denkt über Rücktritt nach. Er hatte letztes Jahr einen Herzanfall, und nur magische Hilfsmittel halten ihn vital. Der Person des Nachfolgers kommt entscheidende Bedeutung zu. Turon von Zakunthi und Dorn von Blektron streben nach dem Amt, im Moment sieht es jedoch danach aus, dass die anderen Clans einen Kompromisskandidaten vorziehen. Das dürfte Jasperas von Galveka sein. Ein besonnener Mann, auf Ausgleich bedacht. Er jedenfalls wird nicht von selbst den Krieg beginnen.“
„Der Zakunthier auch nicht. Für einen Holzkopf ist er erstaunlich klug. Er wird Zeit gewinnen wollen, Zeit für die Reformen, die sein Reich braucht. Am Schlimmsten wäre Dorn.“
„Ja. Ein sadistischer Berserker, der sofort ausziehen würde, möglichst viele Fenloras zu pfählen. Aber ich glaube, dazu kommt es nicht. Zum Glück für uns alle.“
„Was hört man aus dem Zarijat?“
„Alura soll noch immer schäumen wegen der Niederlage, die der Zakunthier ihr als Lordcenturion vor zwei Jahren in Gromien zugefügt hat. Alle wissen, dass sie den Krieg will, doch die Hohen Orden sträuben sich, vor allem die Shakeshumon. Die Händlerinnen fürchten die ökonomischen Schäden, und ihre Macht wächst bekanntlich. Da sie es sind, bei denen die anderen Orden und letztendlich auch das Zarijat verschuldet sind, wirken sie noch als Bremse. Die Zarija ist noch nicht bereit für eine Kraftprobe. Wenn sie jedoch, gegen die Interessen der anderen Orden, den Shakeshas ein gutes Angebot macht, dass ihre politische Macht der wirtschaftlichen annähert, kann der Krieg morgen da sein.
Da fällt mir ein, gerade in diesem Zusammenhang las ich erst gestern eine beunruhigende Nachricht. Das Zarijat soll in Verhandlungen mit Yoltekucza stehen, ein Handelsvertrag ist in Vorbereitung, fenlorische Genussmittel, vor allem Zigaretten, gegen yoltekisches Gold.“
„Das ist sehr überraschend, in der Tat. Wenn die Zarija auf diese Weise sich finanziell von den Shakeshas emanzipiert…
Aber wie kommen die Yolteken plötzlich dazu? Ist nicht ihre Politik seit jeher gewesen, mit den Bleichhäuten sowenig Kontakt wie möglich zu pflegen und ihr Gold zu hegen? Verbietet nicht gar ihr Echsengott, das Gold außer Landes zu bringen?“
„Anscheinend hat der große Echsengott, oder besser, die Priesterschaft, sich eines Besseren besonnen.“
„Schneiden sie dort in den Tempeln armen Menschen immer noch die Herzen heraus?“
„Ich fürchte, mehr denn je.“
„Von allen finsteren Orten Terkloras ist dies wohl der Finsterste.“
„So schlimm die Menschenopfer dort sind, bedenklicher scheint mir aber, wenn ihr Gold, dass sie bekanntlich im Überfluss haben, in den Wirtschaftskreislauf des Zentralkontinents gelangt und der Vorbereitung des Krieges hier dient.“
„Nur allzu wahr. Wie zu erwarten, ist die Angelegenheit äußerst komplex.“
„Wollt ihr immer noch die Informationen durcharbeiten?“
„Mehr denn je, Signol Wild-Wechsel.“
„Gut. Ich werde Euch bei Eurer Abreise einen Koffer mit dem Material aushändigen lassen. Ihr werdet als Nächstes in Kleshegu auftreten?“
„Ja. Ich kann diese Tournee nicht abbrechen, mein Agent würde zu körperlicher Gewalt schreiten.“
„Ihr werdet doch noch mit mir speisen?“
„Kocht ihr selbst?“
„Natürlich, ich bin Pograner.“
„Verzeiht.“
Die vier Heiligtümer des pogranisches Mannes an sich waren schöne Frauen, Kinder, Geld und gute Soßen. Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge.
Wäldchen bei Ulim-Udegg, 2.Tag des Julimondes, 2.325
Es war vor allem Wut, die sie trieb. Wut auf die tumben Terkonnier, die sie und die Mädchen gefangen hatten, Wut auf sich selbst, dass sie sich so einfach überrumpeln hatte lassen. Wut, Fesseln und Knebel nicht loswerden zu können. Der Knebel wurde von Minute zu Minute unerträglicher, der knebelnde Ballen voll gesogen mit ihrem eigenen Speichel, der Knoten des Sicherungstuchs an ihrem Nacken ebenso unangenehm. Schließlich Wut, in dieser Lage, wo es um ihre Freiheit, ihr weiteres Leben ging, ständig sich nach einer Zigarette zu verzehren, in den Fängen der Sucht so bindend wie Seil und Tuch um ihren Körper.
Die Wut gab ihr jedoch auch Kraft, und wo die junge Offizierin und die wehrpflichtigen Miepbabies sich in ihrer Hilflosigkeit suhlten, hatte sie gehandelt, als die Chance kam.
Gamma-Legilalita – Feldwebelin 3.Grades – Malesha Smirnov war eine entschlossene, zielstrebige Person, die in der Legion ihr Khakumon so fest im Griff hatte wie die jungen, ihr anvertrauten Mädchen im Wehrdienst und ihre, nominell vorgesetzte, Offizierin.
Auf ihr Reittier zumindest war Verlass, und dies war ihr auch als hilfloses „Paket“, wie die Männer gefangene Frauen so gerne nannten, geblieben, ein Fehler der Feinde, den sie bedauern sollten. Klug, schnell und ausdauernd war Sakasha – „Wind“ auf fenlorisch – und emphatisch wie die Khakumons waren, spürte es der Herrin Freiheitsdrang und flog dahin über die gromische Ebene.
Der Wald, mächtige Ollvonen-Bäume und Riesenfarne, war nah, und dort konnte sie die Verfolger abzuschütteln hoffen. Allein, die Bande musste sie irgendwie loswerden. Das Messer in ihrem Stiefelschaft hatten die Terkonnier gleich entfernt, den Trick kannten sie leider nur zu gut, zu alt war er.
Doch auch sie kannte das Geschäft. Wohlbekannt war es, dass die Phallokraten ihre weiblichen Feinde lieber fingen als erschlugen, und ihre Obsession mit Fesseln war auch nicht neu. Eine kluge Kriegerin stellte sich darauf ein, und so war Malesha wohl geübt in der Kunst des Entfesselns.
Jeden Morgen vor dem Aufbruch hatten die Krieger ihre Gefangenen kurz befreit, damit sie sich recken und strecken und die Glieder massieren konnten, natürlich bedroht von aufgelegten Pfeilen allzeit. Genau beobachtet hatte die Fenlora die Feinde, geschickt Sorge getragen, dass der offensichtliche Pechvogel der Gruppe, ein appetitlicher Blonder, jedes Mal ihre erneute Fesselung besorgte.
Er war ein Mann, also hielt er sich für besser als er war, zudem ein Gewohnheitstier wie die Kerle alle. Jedesmal gleich die Fesselung, exakt geknüpft die Knoten. Sie war sicher, sich frei winden zu können, sollte sie nur einige Minuten Zeit haben.
In immer schnellerem Rhythmus zerfurchten Sakashas Klauen den fruchtbaren Boden, grasbewachsene Erdbrocken flogen hinter Tier und Reiterin auf. Maleshas Nasenflügel blähten sich, schwer war es, mit dem Knebel tief Luft zu holen. Sie sah zurück. Ihr Vorsprung wuchs. Sie war nun sicher, den Wald zu erreichen weit vor den beiden Kriegern, die ihr folgten. Groß und schwer waren die Männer, trugen zudem die Ankylo-Brustpanzer, viel leichter zwar als die Metallrüstungen alter Zeiten, doch schwer genug, um einen Unterschied auszumachen. Außerdem waren ihre Tiere natürlich Männchen.
Männer waren oft so dumm, ein Wunder, dass die Legionen des Zaijats ganz Terkonnia nicht schon vor Jahrhunderten in Schutt und Asche gelegt hatten. Jeder, der ein Tierkundebuch auch nur flüchtig durchblätterte, musste wissen, dass bei allen Saurierarten, so auch den Khakumons, die Weibchen größer und stäker waren als die Männchen. War das Tyrannopärchen, dessen Auftauchen die Legilalita ihre Fluchtmöglichkeit verdankte, dafür nicht ein Beispiel gewesen?
Dennoch, da die Männchen in der Regel aggressiver waren, zogen die Terkonnier männliche Reittiere vor. Auf Ausdauer, Tragkraft und Schnelligkeit kam es bei Reittieren an, zudem wurden Weibchen seltener krank und waren nicht so wehleidig. Die Zylevis, phallokratische Söhne der südlichen Wüste, waren da klüger, auch sie ritten Weibchen. Noch schlimmere Frauenunterdrücker als die Terkonnier waren sie, jedoch weniger zahlreich und mächtig. Wenn Terkonnia vernichtet war, würden auch sie noch an die Reihe kommen, Zarija Alura würde dafür sorgen.
Malesha war eine glühende Verehrerin der stolzen blonden Herrscherin mit dem passenden Namen – „Alura“ bedeutete Stolz. Jedes Kind in Fenlora kannte die Geschichte, wie die Zarjia als Teenager, bettelarm auf der Strasse lebend, bei einem Hausbrand mehrere Bewohnerinnen, ihre eigenes Leben nicht achtend, gerettet. Weniger bekannt war die Tatsache, dass die heutige Zarija in jener Nacht in diesem Haus war, um zu stehlen. Malesha wusste dies auch nicht, doch hätte sie es gewusst, es hätte sie nicht schockiert. Von der kleinen Diebin zur Lenkerin des mächtigsten Matriarchats der Welt, diese Geschichte beflügelte die Phantasie.
Das Khakumon erreichte den Waldsaum, verlangsamte ohne Maleshas zutun, suchte geschickt den Weg zwischen Baumstämmen, Farnwedeln und dichten Sträuchern. Das Ptack-Ptack zahlreicher Ptackas erklang, eine Gruppe Babysaurier schauten von der Mahlzeit an einem Talquijehain auf, aufgeregt muhten die kleinen Brontos, blieben hinter Khakumon und Reiterin zurück.
Die Spuren waren ein Problem, nicht zu vermeiden die furchigen Abdrücke der Klauen im Waldboden. Ein Wasserlauf fehlte zum Glück. Die Jikaila war bekanntlich mit den tüchtigen Schwestern, und da hörte Malesha schon das Plätschern in der Nähe, leicht links.
Sanfter Schenkeldruck lenkte Sakasha dorthin, das Tier setzte über einen Strauch, aufgeregtes „Mupp! Fuwupp!“ erklang, zwei Fuwupp-Mupps, bei intimem Beisammensein gestört, gaben ihrer Empörung Ausdruck.
Da war das kleine, munter dahin fließende Flüsschen, weiße, ragende Steine zeigten sich über der Oberfläche des klaren Wassers. Mit einem Satz war das Khakumon im seichten Flusse, von Malesha nach rechts dirigiert, nun langsamer werdend. Die Fenlora setzte sich auf, schüttelte ihre langen braunen Locken zurück und ließ Sakasha einfach ungesteuert durchs Wasser staksen.
Baumeistermieps, eine Rasse der kleinen Saurier, die aus Treibgut gewaltige Nester an Wasser baute, beäugten misstrauisch das Khakumon samt Reiterin. Sakasha beugte den Kopf und soff.
Die Fenlora lauschte auf ihre Verfolger. Nur das Plätschern des Wassers, der Ptackas Laute und angeregte Diskussionen der ansässigen Fuwupp-Mupps drangen an ihr Ohr. Sie konzentrierte sich einen Moment, und begann dann zielgerichtet mit den lederumhüllten Fingern an den Knoten zu arbeiten, die ihre Handgelenksfesseln am Sattel hielten.
Schnell lösten sie sich. Seil, zumal weißes, sah ansprechend auf der schwarzen Lederkleidung fenlorischer Soldatinnen aus, war aber viel leichter zu lösen als dünne Lederriemen, von Klebeband, an Effektivität unübertroffen, ganz zu schweigen. Eine weitere dieser typisch männlichen Dummheiten.
Einige Minuten dauerte es wohl, Malesha unterbrach sich immer wieder um intensiv zu lauschen, doch nichts deutete auf die beiden Terkonnier hin, dann waren die Seile um Handgelenke und Oberkörper gefallen. Rasch löste die Schöne mit der caramelfarbenen Haut das Tuch im Nacken, zerrte es herab. Der aufgequollene Knebel wollte ihren Mund nicht verlassen, wütend schnaubend zerrte sie ihn mit spitzen Fingern hinaus und ließ ihn ins Wasser fallen. Tat das gut, frei durchzuatmen. Sie bewegte den verspannten Kiefer, zugleich nach den Banden greifend, die ihre Beine an die Steigbügel banden.
Als auch diese gelöst, stieg sie ab, reckte sich und beugte sich zum Flusse, schöpfte Wasser mit den Händen, netzte ihr Gesicht, trank.
So weit, so gut. Jetzt hieß es, die Phallokraten zu finden, sie zu töten und ihnen die Waffen abzunehmen. Entschlossen war sie, ihre Kameradinnen zu befreien und alle Terkonnier zu ihrem großkotzigen Lorn zu schicken.
Sie führte Sakasha aus dem Fluss und band, hinter Sträuchern versteckt, ihre Zügel an den Ast einer mächtigen Ollvone. Die Jagd konnte beginnen. Sicher war sie, dass die beiden Verfolger nicht aufgeben würden. Stur und hartnäckig waren die Männer, das lag ihnen im Blut.
Viel hätte sie gegeben für eine Zigarette, diese jedoch trugen die Kerle bei sich. Ein Grund mehr, die beiden Holzköpfe zu finden.
Einige Minuten schlich die Legilalita durch den Wald, immer in Deckung von Farnen oder Gesträuch, dann hörte sie das Schnauben eines Khakumons in der Nähe. Sie wartete geduldig, und siehe da, die Jikaila war erneut mit ihr. Genau an ihrem Versteck vorbei führte der Weg der beiden Krieger. Vorsichtig waren sie, hatten Pfeile aufgelegt, musterten die Umgebung und den Boden, nach Spuren ihres schönen Wildes spähend.
Der Glatzkopf mit dem höhnischen Grinsen ritt voran, der dunkelhaarige Muskelberg folgte hinterdrein.
Ein Plan musste her, und rasch, bevor sie vorbei waren. Sie würde beim Muskelberg aufspringen, ihm das Genick mit der tödlichen Kante brechen, und, den toten Körper als Deckung vor des Glatzkopf Pfeilen nutzend, die Zügel ergreifen, des Kadavers Gladion ziehen und Grinsemann erledigen.
Die Jikaila half auch den Mutigen, und an Mut mangelte es der schönen Amazone wahrlich nicht.
Allein lehrte frau an den Akademien der Krosuamon die jungen Offizierinnen, die Malesha immer zu belächeln pflegte, dass kein Plan den ersten Kontakt mit dem Feind überlebt, und so verhielt es sich auch mit ihrem.
Schnell verließ sie ihre Deckung, gelangte in raptoremgleichen Satz auf das sich erschreckt bäumende Khakumon, die Linke zum tödlichen Schlag gehoben. Doch der Terkonnier zeigte keine Überraschung, reagierte mit den Instinkten eines Kriegers. Pfeil und Bogen ließ er fahren, der rechte Ellbogen rammte nach hinten, hart wie ein Schmiedehammer fuhr er Malesha in den Magen. Würgend krümmte sie sich, ihre Handkante traf nur die gepanzerte Schulter des Hünen.
Auch der Glatzkopf reagierte rasch, brachte Abstand zwischen sie, hob den Bogen.
Die Fenlora war hart im Nehmen, ihr vermeintliches Opfer jedoch ließ ihr keine Zeit, sich zu fangen. Während sie leicht vorgebeugt durch den üblen Magentreffer noch hinter ihm war, ihr Gesicht über seiner linken Schulter, riss der Terkonnier die linke Faust hoch. Sterne sah sie und verlor den Halt, als der Schlag sie an der Stirne traf.
Benommen landete sie auf dem Rücken, kämpfte gegen die Bewusstlosigkeit an – und siegte. Als dieser Sieg jedoch errungen und ihr Blick sich klärte, waren zwei Bögen samt Pfeilen aus sicherer Entfernung auf sie gerichtet.
Oh, wie gerne hätte sie den beiden Mistkerlen das selbstgefällige Grinsen aus den Gesichtern geprügelt.
Der Glatzkopf steckte den Bogen weg, kramte in einer Satteltasche. Gleich darauf flogen ein frischer Packen Stoff und ein weißes, zusammengefaltetes Tuch zu ihr hinunter.
Immer noch widerlich grinsend, befahl ihr der Glatzkopf:
„Knebel Dich wieder, Schätzchen, Ordnung muss sein.“
Nein, sie würde keinen hysterischen Anfall kriegen, ganz bestimmt nicht. Mit aller Würde, die sie aufbringen konnte, griff sie nach den Knebelutensilien.