JIKAILA 3

Wohnung von Veelara und Tumari Ordlov, Kazenu Hagurnorvi, Panestigee Kintale, Targomua, Zarijat Fenlora, BetaZeta Floranon, BetaGammaBetaEpsilon Sheile, Iota Hor.
(Gelbe Nordstraße, Panestigee Viertel, Stadt Targomua, Matriarchat Fenlora, 28.Blumenmond, Jahr Sheilas 2325, 8.Stunde)

„Das gleiche Muster.“
„Ja.“
„Der Haussklave?“
„Mit Klebeband gesichert, erdrosselt. Das Fuwupp-Mupp wurde auch erdrosselt.“
„So?“
Ein Schwall heißer, irrationaler Wut stieg in Aurora Boreal, Magaermittlerin von Jikai Delta – viertem Morddezernat – in der fenlorischen Hauptstadt Targomua, auf und wollte sich Bahn brechen, doch sie blieb kühl und beherrscht wie stets. Sie schalt sich selbst – sie musste die Perspektive wahren. In dieser Wohnung waren zwei Frauen und ihr Sklave brutal ermordet worden, da fiel die Tötung eines Haustiers, und sei es noch so süß und unschuldig wie ein Fuwupp-Mupp, nicht wirklich ins Gewicht.
„Wo sind die Leichen?“
„Hier, im Schlafzimmer, Lady Maga.“
Aurora folgte der jungen Ermittlerin ihres Teams. Da waren sie. Nackt und sehr tot, mit kupfernen Drähten brutal Rücken an Rücken gefesselt, die aufgerissenen Münder mit leuchtendem Silber gefüllt, Augen ausgestochen, in die Haut geritzte Zeichen, vom Blut teilweise verdeckt.
Die Damen Ordlov waren Mitarbeiterinnen des Baxa – das größte Kaufhaus Targomuas – gewesen, ihre Wohnung nur fünf Minuten zu Fuß vom Baxakomplex entfernt, dessen Turm durch das Schlafzimmerfenster zu sehen war.
„Erdrosselt wie immer?“
„Ja, vorher haben sie sichtlich viel gelitten.“
An der Wand hinter dem Bett war das Bild abgenommen worden, auf dem kahlen Weiß dahinter leuchtete es blutrot. Die verschmierte Schrift besagte in Altterklorisch:
„Sie werden zurückkehren, und der Glanz und die Glorie werden die Welt erschüttern lassen.“
Aurora musterte die Blutschrift. Wie bei den Beiden zuvor, kam ihr auch hier sogleich der Gedanke an ein Zitat. Aber woraus? Die Leshkenailaakademie wusste vielleicht Rat. Was taten Schreibereiprofessorinnen sonst, als alte Bücher zu lesen?
„Wollt ihr den Zauber sprechen?“
„Ja gleich, aber ich weiß schon, dass es überflüssig sein wird.“
Beide Ermittlerinnen bezogen sich auf einen Standardzauber von Magaermittlerinnen, mit dem sie die vergangenen Ereignisse an einem Ort, also auch den Ablauf eines Verbrechens, wie in einem Film sichtbar machen konnten.
An den beiden vorhergehenden Tatorten war der Zauber ohne Ergebnis geblieben, da die TäterInnen mittels eines eigenen Zaubers die Bilder der Vergangenheit vollständig ausgelöscht hatten. Eine solche Löschung der Matrix des Limbus an einem Ort war theoretisch mit gängigen, wenngleich illegalen, Artefakten erreichbar. Eine wirklich gute Maga – und bei Sheila, Aurora war gut – konnte die allgemein üblichen Artefakte aber in der Regel überwinden und die Verwischung der Matrix wieder entwirren. Aber hier war die Matrix völlig ausradiert worden, bis zu 2 Wochen in die Vergangenheit. Welcher Zauber konnte so etwas zuwege bringen? Nicht einmal die verfluchten terkonnischen  Sklavenfänger besaßen derart gute Artefakte. Ja, Aurora selbst hätte es bei Aufwendung all ihrer Kraft und ihres Könnens nicht mal annähernd erreichen können.
Der Gedanke, es bei den TäterInnen mit Leuten zu tun zu haben, die ihre eigenen magischen Fähigkeiten übertrafen, trug wenig dazu bei, ihre Stimmung zu heben.
Ihr Komspiegel summte aufdringlich. Sie löste das kleine, wie ein gewöhnlicher Handspiegel aussehende Artefakt aus dem Futteral an ihrem schwarzen Lackgürtel.
Das kleine Bild des Spiegels zeigte das übertrieben geschminkte, faltige Gesicht ihrer noch lebenden Zweitgroßmutter. Aurora seufzte. Auch das noch.
Sie verließ das Schlafzimmer und machte sich auf den Weg in den Hausflur, sich dabei an den gerade hereinkommenden Ladies der Spurensicherung vorbeidrückend. Wo magische Mittel versagten, musste frau zu herkömmlichen Methoden greifen.
„Kind! Bist Du da? Geh doch mal ran, bei Azuras knospendem Busen! Kind!“
„Oma. Was gibt es so früh? Ich bin auf der Arbeit.“
„Ach, die kleinen Einbrecherinnen können mal warten. Das ist jetzt wichtiger.“
„Ich bin nicht mehr im Gyptai Zeta, Oma – ich bin bei Jikai Delta, seit einem halben Jahr schon und wir…“
„Ja, ja, alles Pliri-Plari, mein Kind. Mappelzapp hat sich die Klaue in der Badezimmertür eingeklemmt und muß sofort zur Tierheilerin. Ich habe aber keine Zeit, gleich ist die Eröffnung der Kunstaustellung im Gumalin Kashinua (Einsame Schönheit), und ich muß die Eröffnungsrede halten. Also, komm vorbei und bring den armen Mappelzapp zur Heilerin. Wenn Du dann noch Zeit hast, kauf doch bitte noch etwas Futter für die Tiere, ja?“
„Oma, ich… kann Terp nicht all das erledigen?“
Mappelzapp war eines von fünf Fuwupp-Mupps von Großmutter, Terp ihr Haushaltsklave.
„Ich habe Terp verkauft. Nahm sich im Bett zuviel heraus.“
Aurora, im Flur angekommen, schloß die Augen und ließ sich gegen die Wand sacken. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was ihre 87jährige Oma im Bett mit einem 24jährigen Männchen trieb. Sie kramte in ihrer Handtasche nach ihren Zigaretten.
„Dann ruf doch Ullesha und Mama an.“
„Aber Du weißt doch, Kind, deren Komspiegel ist in Reparatur. Ich kann sie nicht erreichen. Früher hielten die Spiegel jahrelang, aber heute…genauso wie mit den Stiefeln. Erst letzte Woche kaufte ich neue Lackoverknees bei BuutsalBerbatov und gestern…“
Aurora schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen und wirkte einen kleinen Feuerzauber an der Spitze ihres lackumhüllten Daumens. Gierig saugte sie den Rauch ein, den Kopf mit den langen, glatten roten Haaren in den Nacken legend.
„Kind, hörst Du mir überhaupt zu? Wo ich Dich rauchen sehe, ich brauche auch neue Zigaretten. Am Besten schreib ich Dir ne kleine Liste, die leg ich auf den Küchentisch. Weißt Du übrigens einen guten neuen Sklaven? Ich will nicht wieder einen von der Agentur. Ki-Tan-Fenger sollen ja sehr fleißig und brav sein. Aber sie haben so kleine Gemächte, also…“
„Oma, ich komme, so schnell ich kann. Ich muß jetzt weiterarbeiten. Wir sehen uns.“
Sie schaltete den Spiegel einfach ab, die Stimme ihrer Großmutter verstummte wie abgeschnitten.
„Die liebe Familie?“
Aurora wandte sich um. Neben ihr stand Salega Kaitenov, die erste Ermittlerin Jikai Deltas, Auroras Partnerin. Wie immer in lässiger blauer Jeanhose, einer knittrigen braunen Ledertunika und kniehohen, mattbeigen Lederstiefeln, eine Kippe qualmend im Mundwinkel, dass dunkelblonde Haar in einer altmodischen, schulterlangen Dauerwelle. Sie wartete Auroras Antwort nicht ab.
„Das gleiche Muster?“
„Ja, Sa, der dritte Fall. Drei Ritualmorde in zwei Wochen. Und keine Spur.“
„Bist Du sicher? Vielleicht haben sie diesmal einen Fehler gemacht. Irgendwann machen sie immer Fehler.“
Salega war 52 und seit über 25 Jahren in der Mordermittlung. Aurora gab viel auf die Erfahrung der Älteren, wenn auch nicht auf ihren modischen Geschmack.
Die Blonde nahm eine Hand aus der Hosentasche, klopfte Aurora leicht auf die Schulter und knurrte:
„Komm, meine Schöne, gehen wirs an. Ich will die Mistschlampen erwischen, die für diesen Dreck verantwortlich sind.“
„Woher weißt Du, dass es Geschlechtsschwestern sind?“
„So ein Gefühl.“
Aurora nickte nur und folgte Salega zurück in die Wohnung.
+++

Wildnis westlich Elimb-Uldeggs, Feemat Nag-Blurg, Gromien, BeddasJoto Juno, BeddasGammonBeddasEpson awor Lorn, Gammon Auror.
(Matriarchat Nag-Blurg, Gromien, 28.Juni, 2325 nach Lorn, 3.Stunde)

Es waren zwölf. Gerüstet, bewaffnet und beritten. Auf Patrouille, auf der Hut. Aber nicht zu sehr. Der Waffenstillstand versprach eine gewisse Sicherheit, die Grenze zu terkonnischem Einflussgebiet war recht weit, das Selbstbewusstsein ihrer Truppe hoch.
Das war gut. Sehr gut sogar. Kharkon erlaubte sich ein schmales Lächeln und strich nachdenklich über seine Glatze. Man sagte, sie stand ihm gut zu Gesicht. Nicht, das er eitel gewesen wäre, ein unangemessenes Gefühl für einen terkonnischen Krieger, passend zu einer Frau, einer zukünftigen Sklavin – wie dem Dutzend da drüben.
Sie hatten ein Feuer gemacht, für Draal und eine warme Mahlzeit und natürlich wegen der Tiere. Weder Raptoren noch Jagdspinnen mochten Feuer sonderlich. Hatte natürlich auch Nachteile, so ein Feuer. Ruinierte zum Beispiel die Nachtsicht der Wachen.
Davon gab es zwei. Sie saßen am Feuer, rauchten vorschriftswidrig und unterhielten sich leise. Irgendwelches Mädchenzeug vermutlich. Die Wehrpflichtigen der Fenloras waren alle noch recht junge Dinger, so weit er wusste nur Klamotten, Sex und Spaß im Köpfchen.
Die 14 Khakumons, unter ihnen zwei Pack- und Ersatztiere, waren an einigen Talquique-Sträuchern in der Nähe angebunden.
Sie wirkten ruhig und zufrieden, vielleicht etwas erschöpft. So eine gerüstete Fenlora in voller Ankylo-Rüstung war schwer, wenn man sie den ganzen Tag durch die Gegend schleppen musste. Ruhige Khakumons – also keine Raubtiere in der Nähe, außer Kharkon und seinen Männern. Und deren Geruch schien die Tiere nicht zu stören. Klar, in ihren Ställen wurden sie bestimmt von eifrigen, feigen männlichen Sklaven versorgt, gefüttert und ihre ledrige Haut poliert. Der Geruch von Männern machte also keinen besonderen Eindruck auf sie. Auch das war gut.
Kharkon sah zu seinen sechs Männern hinüber, die reglos neben ihm im hohen Gras lagen. Ein Siebter war bei ihren eigenen Khakumons zurückgeblieben. Der glatzköpfige Krieger tauschte einen Blick mit MastoorSershend Dainoras. Das alte Grauhaar gab ihm ein Daumen-hoch. Kharkon nickte. Die Männer verständigten sich per Zeichensprache. Dann krochen sie in verschiedene Richtungen davon.
Er selbst kroch mit Sirobas und Belgon direkt auf das Feuer zu. Näher und immer näher. Die beiden jungen Fenloras merkten nichts. Zwar trugen sie Brustpanzer und die Bein- und Armschienen über Overkneestiefeln und langen Handschuhen, hatten die Helme jedoch abgesetzt. Kharkon erkannte jetzt Einzelheiten. Die Linke war hellhäutig und hatte dunkle Haare in einem kleinen Pferdeschwanz. Die Rechte war eine Südfenlora mit brauner Haut, einer leicht gebogenen Nase und einem langen schwarzen Zopf. In ihrem Seitenscheitel an der Schläfe leuchtete eine hellblau gefärbte Strähne.
Weil ich ein Mädchen bin, dachte Kharkon und grinste unwillkürlich breit. Die zehn anderen Fenloras schliefen, eingerollt in ihre Schlafsäcke. Er achtete besonders auf die Anführerin und die Legilalita, doch beide atmeten ruhig. Vor allem die Unteroffizierin konnte gefährlich werden. Zum Glück war keine Maga bei dem Trüppchen, das hätte das Ganze komplizierter gemacht.
Der Terkonnier signalisierte den beiden Anderen, und die Männer schritten zur Tat, lautlos ihre Latexoogs – lange Hartgummiknüppel – ziehend. Sirobas würde sich Pferdeschwänzchen vornehmen, Kharkon selbst Blausträhnchen, Belgon würde vor Überraschungen sichern.
Die beiden jungen Kriegerinnen, falls man wehrpflichtige 19jährige denn so nennen wollte, sahen das Unheil nicht kommen. Stattdessen schoben sie sich just neue Zigaretten zwischen die knallig geschminkten Lippen, gierig und ungeduldig an den blonden Filtern nuckelnd, da ihr Steichholz im nächtlichen Wind der Ebene seinen Dienst nicht tun wollte.
Die Tabakstäbchen flogen in hohem Bogen davon, beide Mädchen gurgelten, als die Latexoogs präzise ihre Hinterköpfe trafen. Kharkon musterte kurz die Bewusstlosen.
Als hätte er es geahnt – die Legilalita, eine Dame mit langen braunen Locken, von einem schmalen Stirnband gebändigt und leicht gebräunter Haut, erwachte dennoch, erfasste sogleich die Lage und öffnete den Mund zum Alarmschrei, zugleich nach ihrem Katana greifend.
Doch da war noch Belgon. Der dunkelhaarige Hüne galt nicht als Meister der Geistesgaben in ihrem Regiment, doch er war ein guter Krieger. Ein sehr guter. Blitzschnell war er heran, seine große Pranke legte sich auf den Mund der Unteroffizierin und erstickte ihren Schrei, bevor sein Latexoog sich mit ihrem Scheitel traf und sie ins Reich der Träume schickte.
Schon wuchsen die anderen Krieger aus den Schatten auf und platzierten sich rasch bei den übrigen, weiter friedlich schlummernden, Fenloras. Auf Kharkons Zeichen, der sich bei der blonden Anführerin postiert hatte, fassten sie in die Nacken der Damen und legten sie endgültig schlafen, die Technik nutzend, die simpel als Schlafgriff bekannt war und die jeder terkonnische Krieger erlernte, war es Gott Lorn doch wohlgefälliger, ein Weib unversehrt zu fangen als sie zu verstümmeln oder gar zu töten.
„An die Arbeit, Männer, wir haben zwölf Pakete zu packen.“
Schnell und routiniert machten sich die Terkonnier an die Arbeit. So noch darinnen, wurden die Fenloras aus den Schlafsäcken geholt und Rüstung und Uniformen entfernt, bis ihnen lediglich die langen Stiefel und Handschuhe und ihre Unterwäsche blieb. Anschließend wurden ihnen dicke Packen aus zusammengerolltem Amshastoff in die Münder geschoben, die Knebel sodann mit breiten weißen Amshatüchern, die über ihre gut gefüllten Münder gebunden und im Nacken verknotet wurden, gesichert. Zuguterletzt wurden alle mit weißem Seil an Handgelenken, Armen, Brustkorb, Beinen und Fußgelenken umfangreich gefesselt.
Zufrieden betrachtete Kharkon sein eigenes Werk an der schönen blonden Anführerin, einer Alfafelaxa, einem Rang, der ungefähr dem terkonischen Leftnent entsprach. Grinsend löste er ihren strengen Zopf und breitete ihr Haar über ihren nackten Schultern aus.
„Schön, Jungs, wecken wir sie auf. Ist noch Draal da? Vielleicht haben sie auch noch was Leckeres im Proviant, was einem rechten Kerl gefallen mag.“
Die zwölf Gefangenen wurden geweckt. Die Fenloras sahen sich entsetzt um, bäumten sich in den Fesseln auf, zappelten, stöhnten und schrieen in die dicken, dämpfenden Knebel.
Kharkon musterte zufrieden und angeregt die sich windenden Leiber und lauschte den lächerlichen Lauten unter den Knebeln. Dainoras reichte ihm eine Tasse Draal, und er nahm einen Schluck des schwarzen, belebenden warmen Getränks.
„Seid mir gegrüßt, schönste Damen. Willlkommen in der Gefangenschaft der Ingaguntos. Das ist mein Regiment, und wer kein Terkonnisch kann, dem verrate ich gerne, das heißt „Die Unzähmbaren“. Mein Name ist Kharkon und ich bin euer erster Maastor.“
Er zeigte seine blendend weißen Zähne in einem breiten Grinsen. Das Zappeln und die unverständlichen Miteilungsversuche der Gefangenen verstärkten sich.
Noch immer grinsend, wandte er sich an seine Männer:
„Setzten wir sie auf die Khakumons und sehen zu, dass wir nach Hause kommen.“
„Beschaffen sie mir ein paar Slatts zum Verhör,“ hatte Kharkons Collnell ihm befohlen. Hier waren sie, jetzt musste er sie nur noch Heil zurück bringen.
+++

Stadt Pokholoquan, Yoltekucza, Neue Welt, 30.Juni, 2325 nach Sheila/Lorn, 11.Stunde

„Das kommt überhaupt nicht in Frage, Liebes.“
„Aber Mutter, ich bin eine Oquibal – Bardin meines Volkes – ich MUSS ausziehen und singen und erzählen, Geschichten geben und sammeln. So verlangt es die Tradition der Zunft. Soll ich mein ganzes Leben hier in der Stadt bleiben, immer in den gleichen Suslahäusern auftretend, bis ich vertrockne?“
„Bitte, dann zieh aus und bereise das Land, Du bist alt genug, das wohl will ich zugestehen. Auch gegen die Tradition Deiner Zunft, die Du, nebenbei bemerkt, damals gegen meinen Willen gewählt, will ich mich nicht stellen. Allein, nirgendwo heißt es, Du solltest zum Singen Dein Land verlassen und hinaus übers Meer in die Welt der Blasshäute gehen. Das werde ich auf keinen Fall erlauben.
Denk nur, was alles geschehen kann. Die bleichen Männer halten Frauen als Sklavinnen, Du weißt es. Du vermagst jedoch nicht zu erschauen, bist blind wie ein Slumjiqux, wie schön Du bist, Tochter. Zart und anmutig. Männer werden Dich besitzen wollen, Dich einfach nehmen, Deine Glieder binden, Deine schöne Stimme mit einem Knebel ersticken und Dich schänden. Niemals kann ich derlei zulassen.“
Nahuaxamiqui zog eine Schnute, stampfte gar mit dem Fuß auf. Ihre Mutter schienen derlei Ausbrüche, wie stets, gleichgültig zu lassen wie der Furz eines Gurub-Luk. Ungerührt knetete sie den Teig für den Globaqui-Kuchen.
„Reich mir doch bitte mal die Globaquis, Schatz.“
„Mutter!“
Die junge Yoltekin wandte sich abrupt um, ihre Goldarmreifen klapperten, die Perlen und Fransen an ihrem Ledergewand wippten, Spiegelbild ihrer wirbelnden Emotionen.
Zum Vater wandte sie sich, der mit dem jüngsten Sohne am Tisch saß, ihm die Kunst des Handpuppenschnitzens, des Marnaquibaxel, zu lehren. Der Junge, zarte Fünf, hantierte mit einem Messer und bearbeitete eifrig ein Stück Holz, die kleine Zunge ausgestreckt vor Konzentration. Der Vater beäugte ihn mit Raptoraugen, bereit, eine Verletzung zu verhindern.
Er war der beste Marnaquibal, Puppenspieler und –schnitzer ganz Pokholoquans, und gerne hätte er seine Kunst an seine Lieblingstochter Nahuaxamiqui weitergegeben, jedoch Frauen war diese Zunft verwehrt.
„Vater, so sag Du doch etwas. Ich muß hinaus, die Welt sehen, ich habe es geschworen bei Fixaquukibam, der gütigen Echse der Kunst. Soll ich meinen Schwur brechen?“
Der Angesprochene sah nicht auf, ruhig und sicher korrigierte seine Linke die Schnitzhand des Sohnes.
„Die Globaqui, Schatz.“
Die junge Oquibal ignorierte ihre Mutter, fixierte mit wachsender Ungeduld Vater am Tisch. Der Bardin Mutter seufzte nachsichtig und griff selbst nach der verzierten Holzschale mit den gelben, maisähnlichen Hülsenfrüchten, Hauptnahrungsmittel in Yoltekucza.
Mißtrauisch warf sie ihrem Gatten einen schnellen Blick zu. Er war genau der Mann, ihr in den Rücken zu fallen und der Tochter Launen zu willfahren. War nicht auch er ein Künstler? Sie war gewarnt worden, einen solchen zu ehelichen, doch seinem Lächeln, den schönen Händen und der Güte seine Wesens zu widerstehen, war ihr damals unmöglich erschienen – und war es auch heute noch. Sie lächelte gegen ihren Willen und schüttete die Globaqui in den Teig.
„Vater, bitte, erkläre es ihr. Läßt Du mich im Stich? Deinen Sonnenschein?“
Die kleine Bardin eilte flink an des Vaters Seite, ihn ungestüm herzend. Wie aus einem Traum sah er auf, blinzelte, legte der Tochter einen Arm um den schlanken Leib, seine Rechte strich durch ihr schulterlanges, rabenschwarzes Haar.
„Natürlich musst Du gehen.“
Nahuaxamiqui jauchzte erfreut und drückte ihm einen schmatzenden Kuß auf, die Mutter fuhr herum, funkelte den Gatten zornig an.
„Galitox!“
„Ja, dies ist mein Name, schönste Globaquibäckerin aller Gefilde unter der großen Echse Schirm. Ich sehe, Dich erzürnt meine Ansicht. Laß es mich erklären.“
Er schob die Tochter von sich, die Mutter triumphierend anfunkelte. Halb sah Galitox immer noch nach dem Sohn, der, die Streitereien der Großen nicht achtend, dem tumben Holz das Antlitz eines starken Echsenkriegers zu entringen suchte.
„Sieh, schönes, kluges Weib. Sicher ist es reich an Gefahren, Yoltekucza zu verlassen und die Fremde jenseits des großen Wassers aufzusuchen. Das leugne ich nicht. Gefährlich ist es aber auch hier. Mit jedem Tag mehr, und das weißt Du so gut wie ich.“
Der Mutter edle Stirn umwölkte sich, Sorge und Schmerz statt Ärger brachen sich Bahn.
Widerwillig nickte sie.
„Es heißt, in Ahuatochlan, Stadt der Götter, sei der Echsengott selbst erwacht und wandle unter uns. Sein Hunger ist groß. Schon sind die Krieger, auch aus unserer Stadt, ausgezogen, neue Opfer für die Echse zu erbeuten. Seelen, die auf den Pyramiden geopfert werden. Wer weiß, wie groß der Hunger noch wird? Wann die Familien gebeten werden, ihren stärksten Sohn, die schönste Tochter der Echse zu schenken?
Wie du sagtest, unsere Tochter ist sehr schön, ihre Stimme lieblich. Sehr wohl mag es der Echse gefallen, ihr Herz zu essen, ihre Schönheit zu trinken. Oder einer der Priester oder Priesterinnen wird derlei behaupten, um unsere Tochter selbst zu kosten.“
„Soweit ist es wahrlich noch nicht.“
Leugnung, nicht Einsicht, lag in der Mutter leiser Stimme.
„Mein Gefühl sagt mir, das es so kommen wird, und noch übler mag es werden. Des Gottes Hunger ist unersättlich. Hunger nach Blut, Leid, Macht. Ein finsterer Gott ist die Echse, Du weißt es wohl. Die PriesterInnen in ihrer Gier haben ihn dazu gemacht.“
„Versündige Dich nicht!“ rief seine Gattin scharf, allein die Wahrheit in seinen Worten ließ sie frösteln.
„Wenn die Gier von Priesterschaft und Gott, körperlich hier wandelnd oder nicht, zu voller Entsetzlichkeit erblüht, wüsste ich Nahuaxamiqui gerne weit weg, unerreichbar für der Echse Klaue.“
Nahuaxamiqui schwieg, überrascht von der finsteren Wendung des Gesprächs. Nicht geachtet hatte sie auf die Gerüchte aus der Hauptstadt, zu verdrängen pflegte sie das grausige Schicksal der Opfer ihrer Religion.
Die Mutter kam hinüber zum Tisch, schenkte Nahuaxamiqui einen besorgten, liebevollen Blick, setzte sich dann dem Gatten gegenüber.
„Es schmerzt mich, es zu sagen, allein Du sprichst wohl wahr. So ist es denn beschlossen, unsere Tochter mag ziehen.“
„Juchhuh!“
Die kleine Bardin führte einen spontanen Freudentanz auf, ein Lied stieg in ihr auf. Mutter hob mahnend einen Finger.
„Tochter! Wie aber willst Du fort gelangen aus der Heimat?“
„Nichts leichter als das. In Ahuatochlan gibt es einen großen magischen Reisespiegel der Lavendrer, die mit uns Handel treiben. Er ist neu, die PriesterInnen gaben den Bleichhäuten die Erlaubnis, ihn aufzustellen, überdrüssig des Umweges über die Handelsinsel an der Westküste.“
„Ich verstehe. Sprachen wir nicht gerade davon, wie gefährlich es jetzt in Ahuatochlan ist, unter den Augen der PriesterInnen?“
„Ich werde sie begleiten bis zum magischen Spiegel,“ sprach der Vater und nickte seiner Frau ernst zu.
„Packen muß ich sogleich. Morgen wollen wir aufbrechen.“
Nahuaxamiqi schoß hinaus, überschäumend vor Begeisterung und Lebensfreude. Vater und Mutter sahen sich an. Der kleine Junge krähte, das Messer hatte in einen seiner Finger geschnitten. Rotes Blut quoll über das Holz der Figur. Der Mutter schauderte.