Ich spüre kaum etwas, während er mein Todesurteil verliest. Ich höre die Worte, doch registrieren kann ich sie nicht. Ich sage nichts. Ich kann nichts sagen. Ein Gendarm legt mir Handfesseln an. Meine Hände fühlen sich taub an. Sie zittern nicht einmal. Ich kann auch nichts mehr hören. Die Zuschauer klatschen, jubeln, pfeifen… Mit gesenktem Kopf lasse ich mich aus dem Gerichtsaal führen und in die Gefängniskutsche bringen.
Sie klappert laut über die trockenen Pflastersteine. Es ist komisch. So ein wunderschöner Tag. Seltsam, sein Todesurteil bei Sonnenschein zu bekommen. Ich dachte immer, das sei nur nachts im Winter möglich.
Die Kutsche hält an einer Kreuzung. Ich blicke durch die vergitterten Fenster. Zwei Mädchen stehen an der Ecke und starren mich an.
„Schau, da ist die Verurteilte. Sie soll geköpft werden.“
Das Gesicht der anderen hellt sich auf.
„Das müssen wir sehen…“
Sie kichern. Es ist keine Gehässigkeit darin. Nur reine Vorfreude.
Die Kutsche rasselt weiter. Ich setze mich wieder hin, lege die Ellenbogen auf die Knie und schaue auf den Boden. Ich fühle mich nicht anders als vorher. Und doch ist alles anders als noch vor einer Stunde.
…werden die beiden wirklich zusehen?
*****
Sie schließen die Tür zu meiner Zelle. Eine einfache Matratze. Ein kleiner hölzerner Tisch mit einem Stuhl davor. Eine Toilette am anderen Ende des Raumes. Daneben ein Waschbecken. Kein Fenster. Kein Spiegel. Ich setze mich auf die Matratze und starre die Wand an. Endlich Ruhe. Endlich ist es still. Ich überlege mich schlafen zu legen. Ich bin seit gestern Nacht auf. Aber es erscheint mir nicht richtig. Ich bin auch nicht müde.
Gestern, als ich aufwachte, war ich aufgeregt. Wie vor der Ausgabe eines Examens. Jetzt ist es verkündet. Ich bin durchgefallen. Und ich kann nichts tun.
*****
Wochen vergehen. Sie sagen mir nicht, wann es passieren wird. Aber mein Anwalt hat mir garantiert, dass es mindestens fünf Wochen dauern wird. Bis irgendein Generalstaatsanwalt wieder meine Akte vor der Nase hat, während er an seinem Kaffee nippt, und er sagt „wir müssen die Sache abschließen“. Es kann jetzt jeden Tag passieren. Vielleicht tun sie es in einer Woche. Oder einem Jahr. Ich flehe meinen Anwalt an, mir etwas zu sagen. Letztes Mal bin ich vor ihm auf die Knie gesunken. Aber die Antwort ist immer dieselbe.
„Es tut mir leid, ich weiß es nicht, Madame Juillard.
Irgendwann kommt der Tag, dann holen sie mich und führen mich vor die Tore des Gefängnisses. Und dann fällt mein Kopf.
*****
Eine humane Hinrichtungsmethode. Das habe ich in der Schule gelernt. Ich durfte sogar ein Referat über die Guillotine halten. Alle hörten mir gebannt zu. Dr. Guillotin war überzeugt, dass es schmerzlos sei. Wie sagte er? Nur das Gefühl eines plötzlichen kalten Schauers im Nacken. Warum nur im Nacken? Wahrscheinlich dachte er, die Klinge ist warm, wenn sie die Kehle erreicht. Kurz und schmerzlos. Das dachte er. Das denken sie. Sie sehen nur, wie die Gefängnistür aufgeht. Wie die Verurteilte an die Bascule gebunden wird. Wie sie einen Augenblick später auf dem Bauch liegt. Wie die Lunette zuschnappt. Die Verurteilte starrt noch kurz mit wilden Augen umher. Sie schnappt noch schnell nach Luft, wenn der Hebel gezogen wird. Dann fällt ihr Kopf und verschwindet im Korb. Vielleicht zucken noch die Füße in den Sandalen.
Ja, kurz und schmerzlos. Die Veranstaltung dauert keine Minute. Ach, was sie alles nicht sehen. Die Wochen und Wochen der Ungewissheit. Kommen sie heute? Morgen? Werde ich Weihnachten noch erleben? Neujahr? Ostern? Wird man mich begnadigen?
Die schlaflosen Nächte. Die Alpträume. Wie oft habe ich schon einen kalten Kuss auf meinen Nacken gespürt und bin mit einem Schrei aus dem Schlaf aufgefahren?
Die Gedanken. Wie fühlt es sich an? Wer sieht alles zu? Wie werde ich aussehen auf dem Schafott? Werden Freunde von mir da sein? Bekannte? Alte Klassenkameraden? Werden sie klatschen, wenn die Klinge fällt?
Ach ja, kurz und schmerzlos…
*****
Die Wände sind über und über beschrieben und bemalt. Namen. Daten. Letzte Wünsche. Flüche. Schwarze Witze. Gebete. Inzwischen kenne ich sie alle auswendig. „Ich bin unschuldig“, „Es lebe der Kaiser“, „Wer das liest, steckt knietief in der Scheiße“, „Wieso bekomme ich meine ersten Liebesbriefe in der Todeszelle?“, „Gott steh mir bei“, „Raskolnikow did nothing wrong“.
Und dann ist da diese Zeichnung. Jemand hat sie gezeichnet. An der Wand am Fußende des Bettes. Die Maschine. Ihre Silhouette. Mit schwarzem Stift auf der weißen Wand.
J'attends, ma chérie steht darunter.
Ich habe ein paar Blatt Papier mit Kerzenwachs darüber geklebt, sodass ich sie nicht sehen muss. Aber es hilft wenig. Ich weiß, was unter dem Papier ist. Ich weiß, was mich erwartet. Ich versuche, nicht in diesen Winkel es Raumes zu sehen. Aber sie ist dort. Die ganze Zeit. Sie starrt mich an. Sie wartet.
*****
Präsident Carnot ist ein guter Mann. Ich bete für ihn. Er ist gut für unser Land. Er sorgt für uns. Das sagte er immer. Und er sorgt ganz bestimmt auch für mich. Ich bin mir sicher, wenn er mein Gnadengesuch liest, wird er Milde walten lassen. Ja, wahrscheinlich liest er es. Er liest es gerade jetzt. Ich fühle es. Und er wird seinen Adjutanten zu sich rufen und ihm sagen: „Ich begnadige Camille Juillard“ und der Adjutant wird die unterschriebene Begnadigung sofort herbringen. Sie werden die Tür öffnen und mir sagen, dass ich begnadigt wurde. Ich werde ihn umarmen. Ich werde seine Hände küssen. Ich werde ihm auf ewig dankbar sein. Er ist ein guter Mann. Ein lieber Mann.
*****
Ich habe mein Testament aufgesetzt. Gleich nachdem ich hierher gebracht worden bin. Aber viel kann ich nicht vermachen. Ich habe nicht viel ansparen können in vierundzwanzig Jahren. Ich habe keinen Ehemann. Geerbt habe ich nichts. Und von dem bisschen Geld, das ich habe, muss ich meine Hinrichtung bezahlen. Es kostet Geld einen Kopf rollen zu lassen. Zweihundertachtundsechzig Francs, um genau zu sein. Zu zahlen am Tag der Exekution. Ob sie mich dann noch eben zur Bank werden gehen lassen, um mein Konto leerzuräumen?
*****
Ich trage die übliche Häftlingskleidung. Ein kurzes kariertes Kleid, das gerade meine Oberschenkel bedeckt. Dazu eine einfache weiße Bluse. Ohne Kragen. Für meine Füße haben sie mir Sandalen aus braunem Leder gegeben. Vielleicht, weil sie keine Schnürsenkel haben, mit denen ich mich erhängen kann. Ich glaube, das ist auch der Grund, weshalb kein Spiegel über dem Waschbecken hängt. Ich könnte mir mit den Scherben das Leben nehmen.
Nein, das können sie nicht zulassen. Ich muss sterben, wie es im Gesetz steht. Mein Kopf muss rollen. Öffentlich. Alle sollen es sehen können.
Ich habe es auch schon einmal gesehen. In Marseille. Vor zwei Jahren. Ich hatte eine Freundin besucht. Wir lasen in der Zeitung, dass eine Mörderin hingerichtet werden sollte. Wir fuhren früh los, doch die Straßen vor dem Gefängnis waren schon voll. Dort stand die Guillotine, daneben die Henker. Ich stand mit Cécile in der Menge und konnte von meinem Platz aus nur die Spitze der Guillotine mit dem Beil daran sehen. Und das Tor des Gefängnisses. Aber die Stimmung war elektrisierend. Wir warteten gut zwei Stunden in der Menge. Erlebten den Sonnenaufgang auf dem Platz.
Plötzlich wurde es still. Ich sah, wie sich das Gefängnistor auftat und einige Gendarmen heraustraten. Dann kam die Verurteilte. Ihre Hände waren auf den Rücken gefesselt, ihr schwarzes Haar nackenlang geschnitten. Ihr Gesicht kreidebleich. Ich sah sie nur für einen Augenblick. Dann starrte ich wie gebannt über die Schulter des Mannes vor mir auf die Klinge. Mein Herz donnerte. Lag ihr nackter Hals schon unter dem Stahl? Würden sie es wirklich tun?
Sie fiel ohne Vorwarnung. Ich hörte es kaum. Und plötzlich jubelten und klatschten alle. Ich wusste, das Mädchen hat keinen Kopf mehr. Ich klatschte. Ich sah zu Cécile. Sie applaudierte verzückt neben mir.
*****
Ich habe nichts zu tun. So foltern sie mich. Wie viel lieber würde ich in einem Bergwerk Steine hauen. Und selbst, wenn sie mir mit Peitschen auf den nackten Rücken schlügen. Denn dann hätte ich wenigstens etwas zu tun und müsste nicht denken. Beim Handeln denkt man nicht. Man handelt nur. Man kann sich darin verstecken. Aber das hier… das ist das Schlimmste, was sie mir antun können. Ich denke den ganzen Tag. Und nur an eine einzige Sache…
***
**
Ich treffe immer dieselben Leute. Da ist der Wärter, der mir mein Essen und Trinken bringt. Er sagt nie etwas. Dann ist da mein Anwalt. Ich sehe ihn ein oder zwei Mal in der Woche. Aber er kann mir nie etwas Neues sagen.
Mein Gnadengesuch? „Es tut mir leid, ich weiß es nicht.“
Der Tag meiner Hinrichtung? „Es tut mir leid, ich weiß es nicht.“
Er will auch meistens schnell wieder los. Ich sehe, dass es ihn quält, dass er mich nicht retten konnte.
Und dann ist da noch die andere Wärterin, die mich begleitet, wenn ich eine Stunde am Tag über den Hof laufen darf. Es sind gut zehn mal zehn Meter. Der Hof ist komplett leer, mit grauen Mauern darum. Es ist himmlisch, die Sonne zu spüren. Frische Luft zu atmen. Einen Vogel zu hören. Ich hätte nie gedacht, dass mich der Anblick einer Wolke einmal zu Tränen rühren würde.
Der Hof hat ein kleines vergittertes Fenster. Ich will die Stunde eigentlich nutzen, um zu gehen, doch oft kann ich mich nicht beherrschen, an dem kleinen Fenster zu stehen und auf den Baum zu blicken. Eine Eiche. Einmal sah ich ein Eichhörnchen hinaufrennen. Der Anblick beschäftigte mich noch für Tage. Ansonsten sieht man durch das Fenster nur eine Nebenstraße neben dem Gefängnis und eine graue Wand gegenüber.
Ich starre wieder durch das Fenster. Die Wärterin steht schweigend neben mir. Dort steht ein Karren und einige junge Frauen werden darauf verladen. Ihre Hände sind gefesselt.
„Wer sind die?“ frage ich die Wärterin.
„Verurteilte. Sie werden nach Französisch-Guayana geschickt.“
Eines der Mädchen sieht mich. Sie sagt etwas.
„Schaut! Sie hat Glück. Sie bekommt die Guillotine.“
Die anderen drehen sich zu mir um. Sie nicken mir zu und lächeln. Dann rollt der Karren davon. Ich sehe ihnen hinterher, bis sie aus dem Blickfeld verschwinden.
Glück…
Wenn sie Guyana erreichen, werde ich keinen Kopf mehr haben. Sie erwartet ein Leben im Gefängnis. Doch wenigstens werden sie leben…
*****
Wenn ich die Wahl hätte, wie sie es tun werden, welchen Tod würde ich wählen? Die Frage ist dumm. Sie hilft nicht. Aber was würde ich wählen? Ich würde mir wünschen, dass man mir vormacht, ich würde begnadigt. Dass ich nach Guyana komme. In einem Monat. Und dann würden sie mich nachts, ohne Vorwarnung, im Schlaf erschießen. Mitten durchs Herz. Oder sie tun mir etwas in mein Essen, sodass ich die Besinnung verliere und nehmen mir dann das Leben.
Aber so wird es nicht geschehen. Sie wollen mich nicht nur einfach töten. Sonst hätte man mich einfach im Gerichtssaal erschlagen. Nein. Sie geben mir genug zu Essen und zu trinken. Ich muss auch nicht frieren. Und waschen kann ich mich auch. Es sieht sogar ein Arzt nach mir. Nein, es geht nicht nur um meinen Tod. Es geht um das Schauspiel. Ich muss bei vollem Bewusstsein sein, gesund sein, wenn es geschieht. Ich muss sie ansehen, diese grauenhafte Maschine. Die Leute müssen sehen, wie mein Hals unter die Klinge gelegt wird. Sie müssen sehen, wie ich den Kopf verliere…
Ich springe von meiner Matratze auf und reiße das Papier von der Wand. Da ist sie wieder. Schwarz auf weiß im Schein der Kerze. J'attends, ma chérie.
Ich kann nicht aufhören hinzusehen. Wird es wirklich schnell gehen? Bin ich sofort tot? Oder sehe ich noch mein eigenes Blut? Dort unten im Korb… und was ist dann? Ist dort einfach nichts? Schwärze? Leere? Oder wartet dort Gott? Wie kann das sein? Plötzlich nicht mehr da zu sein…
Und sie werden alle zusehen. Ich kann sie schon fühlen. Ihre Blicke. Ihre gierigen Blicke. Wie werden ihre Augen funkeln, wenn sie meinen Hals unter der Klinge sehen. Sie werden auf meinen Nacken starren und gebannt den Atem anhalten. Und dann wird mein Kopf fallen… werde ich sie im Korb noch klatschen hören?
Wieso?
Wieso tuen sie mir das an?
Wieso müssen sie es sich ansehen?
Wieso können sie mich nicht allein sterben lassen?
Wieso kommen sie freiwillig dorthin, um es zu sehen?
Sie sehen mich doch nur für einige kurze Augenblicke. Sie kennen mich doch gar nicht. Und dann rollt mein Kopf. Es dauert fünfzehn Sekunden. Ist es das Wert? Nur dafür? Dafür kommen sie vom anderen Ende der Stadt?
…warum habe ich es mir mit Cécile angesehen?
Warum waren wir dort?
Ich weiß es nicht… Wir wollten es einfach. Ich dachte nicht viel darüber nach. Es war so spannend. Dabei habe ich es nicht einmal richtig gesehen. Aber es gab mir diesen makaberen Schauer… es war elektrisierend dabei zu sein, wenn jemand… stirbt. Nachher konnten wir sagen, sie hat bekommen, was sie verdient hat. Dass es schön war zu sehen, wie einer Verbrecherin Gerechtigkeit widerfährt. Aber das ist eine Lüge. Wir waren nur dort, um zu gaffen. Um uns daran zu erfreuen, wie jemand sein junges Leben verliert. Um uns besser zu fühlen.
Wir bauen Maschinen, die fliegen können, lernen Latein und Griechisch in der Schule, spielen die schönste Musik der Welt und gleichzeitig recken wir die Hälse, um zu sehen, wie jemand geköpft wird. Ich schäme mich. Es widert mich an. Wenn ich irgendwen um Vergebung bitten könnte, würde ich sie darum bitten. Dafür, dass ich zusah, als man sie tötete…
*****
Was würde ich tun, wenn ich frei wäre? Ich würde weit weg gehen. Fort. Ich würde die ganze Welt sehen. Ich würde ein Schiff besteigen und nach Kanada fahren. Ja. Kanada. Und dann würde ich von dort durch die Vereinigten Staaten nach Süden reisen, bis nach Mexiko, wo sie Spanisch sprechen. Und von dort aus weiter nach Süden, immer weiter, durch Südamerika bis an den untersten Zipfel. Und dort würde ich hinaus aufs Meer blicken. Vielleicht arm. Aber frei. Frei und lebendig…
*****
Irgendetwas stimmt nicht. Es nähern sich Schritte. Doch es sind mehr als sonst. Sie halten vor meiner Zelle. Ich stehe auf.
Ich will nicht. Ich will es nicht wissen.
Die Schlüssel klimpern.
Bitte nicht.
Das Schloss klackt.
Bitte, noch nicht.
Es stehen vier Gendarmen vor der Tür. Und der stellvertretende Gefängnisdirektor.
„Madame Juillard, der Präsident der Republik hat von seinem Gnadenrecht keinen Gebrauch gemacht. Das Urteil wird nun vollstreckt. Seien Sie tapfer!“
Mein Herz wird zu einem Ziegelstein.
Sie greifen mich bei den Armen und führen mich aus meiner Zelle. Meine geliebte Zelle. Mein Zuhause. Ich kannte jeden Millimeter darin. Ich wusste, solange ich dort war, konnte mir nichts passieren. Ich will wieder zurück. Lasst mich wieder zurück! Ich will nicht! Ich will noch nicht gehen!
Meine Gedanken schreien, aber mein Mund bleibt still. Ich gehorche. Ich habe viel zu viel Angst, irgendetwas zu sagen. Ich dachte immer, man wird tapfer, wenn man nichts mehr zu verlieren hat. Aber nicht ich. Meine Innereien verknoten sich, wie sie mich den Flur entlangführen. Ich weiß, dass ich mit jedem Schritt auf mein Ende zugehe.
*****
Ein Priester schließt sich unserer Prozession an und fragt mich, ob ich die Hilfe der Kirche in dieser meiner letzten Stunde wünsche. Ich sage zu. Ich bin nie in die Kirche gegangen. Ich habe manchmal gebetet. In letzter Zeit mehr. Aber jetzt erscheint es mir wichtig. Sie führen mich einen Gang entlang, bis wir vor einer hölzernen Tür Halt machen. Der alte Mann tritt ein, ich folge ihm. Der Rest wartet vor der Tür.
Es ist ein einfaches Zimmer mit einem Tisch und zwei Stühlen. Wir setzen uns gegenüber, falten die Hände und beten. Ich spreche ihm nach, so gut ich kann, bis sich mein Gesicht zusammenzieht und ich mich nicht mehr beherrschen kann. Ich weine. Ich weine erbärmlich. Und es ist mir unangenehm, es vor ihm zu tun.
Er hört auf zu sprechen, sieht mich mit traurigen Augen an, steht auf und umarmt mich. Es ist das erste Mal in Monaten, dass mich ein Mensch liebevoll berührt. Ich kann nicht mehr an mich halten.
„Schht, mein Kind. Der Herr ist an deiner Seite.“
„Bitte… wird es schnell gehen…? Was passiert danach?“
„Ruhig, Camille. Es wird nicht wehtun. Hab keine Angst. Der Herr erwartet Dich.“
Ich kann kaum noch sprechen.
„Ich… ich habe doch niemandem wehgetan… ich… wie kann er das zulassen…? …ich habe das nicht verdient… nicht das…“
„Ruhig, Camille…“
Unsere Zeit ist gleich um. Ich fühle es. Ich will nicht, dass er mich loslässt. Ich will, dass er mich weiter hält. Ich will hier sitzenbleiben. Doch er lässt mich los. Ich wende mich um. Die Tür steht offen und die Männer sehen hinein. Es ist Zeit.
*****
Ich weiß nicht wie, aber ich schaffe es mich in die Kanzlei zu schleppen. Der Pfarrer kommt mit. Dort warten noch mehr Leute auf mich. Noch mehr Beamte. Aber niemand, den ich kenne. Wo ist der Richter, der mein Todesurteil verkündet hat? Hat er gerade Urlaub? Wo ist der Staatsanwalt, der alles getan hat, damit mein Hals unter die Klinge kommt? Isst er gerade sein Mittagessen? Wo ist mein Anwalt, dieser Narr? Ist er froh, dass er mich nicht mehr wird besuchen kommen müssen?
Sie lassen mich meine Entlassungspapiere unterzeichnen und fragen mich, ob ich noch etwas schreiben will. Ich sehe nur auf meine Hände, die unablässig zittern.
Man bietet mir eine Zigarette an. Ich nehme sie. Dann setzt man mich auf einen Schemel. Ein großer Mann mit einem Zylinder tritt auf mich zu. Er ist es. Der Mann, der mein Leben beenden wird. Er stellt sich vor. Ich habe seinen Namen sofort vergessen. Er tritt hinter mich und fasst mir behutsam an die Haare. Die Schere klickt. Sanft drückt er meinen Kopf nach vorne, sodass ich ihm meinen Nacken anbiete. Er schneidet weiter. Ich will weiter an der Zigarette nuckeln, doch meine Hand ist leer. Ich blicke auf den Boden. Da liegt sie. Aber ich will mich nicht bücken. Ich will ihn nicht stören, während er mich vorbereitet. Ein kleiner Pinsel fährt mir über den nackten Hals und wischt die letzten Haare weg. Ich erschaudere. Er ist fertig. Mein Nacken ist bereit.
Dann legt man mir kurze Fesseln an die Hand und Fußgelenke. Sofort juckt es an meiner Kehle. Ich will mich kratzen, noch meine Fesseln lassen es nicht zu.
*****
Zwei Assistenten greifen mich bei den Armen und heben mich von meinem Schemel. Ich werde steif wie ein Brett. Meine Füße berühren kaum den Boden. Ich kann nichts tun.
Sie stoßen die Tür auf und führen mich an die frische Luft. Sonne. Wärme. Es ist ein prächtiger Julitag. Sie schleifen mich über den Gefängnishof auf das Tor zu. Der Schweiß rinnt mir herab. Mir ist so heiß, ich glaube, ich werde ohnmächtig.
Ich höre Stimmen. Über die Mauer. Jemand lacht. Ein Mädchenchor singt die Marseillaise. Sie warten. Sie warten auf mich…
Ich kann nicht mehr. Ich übergebe mich. Es kommt nur ein bisschen Wasser raus. Der Henker sagt etwas. Die Assistenten bleiben vor dem eisernen Tor stehen und er tritt vor mich. Er nimmt ein Tuch und wischt mir den sauren Speichel von den Lippen und dem Kinn.
Wieder lacht drüben jemand.
„Bitte…“ hauche ich.
„Ich habe nichts mehr. Nichts. Bis auf mein kleines Leben. Bitte, lasst mich doch noch fünf Minuten leben. Was kostet es Euch? Bitte. Lasst mich noch ein kleines bisschen am Leben…“
Keiner spricht mehr mit mir. Der Henker wendet sich um und öffnet das Tor. Im nächsten Moment schleifen sie mich über die Schwelle und da steht sie. Sie wartet. Gott steh mir bei…
*****
Die Menge wurde sofort still, als sich das Tor öffnete. Da standen sie, hunderte, hinter einer Reihe von Gendarmen, die um die Guillotine stand. Keiner blinzelte. Keiner rührte sich. Alle starrten gebannt auf das gefesselte Mädchen, fast noch ein Kind, das die beiden blassen schwarz gekleideten Männer zwischen sich trugen. Sie rannten beinahe, während Camille mit schreckgeweiteten Augen auf die dreieckige Klinge starrte. Der Henker stand schon an der Maschine.
Sekunden später drückten sie Camille gegen die Planke. Sie machten sich nicht die Mühe, sie festzubinden, sondern warfen sie direkt nieder und hielten sie bei ihren Schultern und Knöcheln. In einer Bewegung schoben sie ihren Kopf zwischen die beiden dunkelbraunen Schienen. Camille zuckte zusammen als ihre Kehle das kalte harte Holz der Lunette berührte. Einen Augenblick später fiel die andere Hälfte des Halbkreises auf ihren Nacken.
Sie konnte nichts mehr sagen, sondern starrte mit panischen Augen in die kleine Wanne unter ihr. Ihr Schweiß tropfte in regelmäßigen Abständen ihre Nase herab, während ihr saurer Speichel einen langen Faden von ihren Lippen zog.
In ihrer Angst nahm sie sie gar nicht war. Die zahllosen Gaffer, die nur gekommen waren, um ihren Kopf fallen zu sehen. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt allein ihrem Hals in der kalten Lunette. Plötzlich fühlte sie es. Ein eindeutiges Klicken. Die Hände an ihren Schultern und Füßen griffen sie fester. Der Mann zu ihrer Linken trat einen Schritt zurück. Die hölzerne Rahmen vibrierte. Sie wimmerte ein letztes Mal, bevor ihr Kopf von ihrem Hals fiel und in der Zinkwanne verschwand. Ihr Körper zuckte ruckartig zusammen, während ihr wild schlagendes Herz ihr Blut unablässig aus ihren Arterien presste.
Der Tod erlöste sie sofort. Sie hörte nichts. Hörte nicht, wie ihr die Klinge den Hals durchschnitt. Wie ihr Kopf in die Wanne fiel. Wie ihr Blut in langen Strahlen aus ihrem Hals schoss. Wie die Klinge laut von den Puffern abprallte. Wie die Menge jubelte und klatschte, wie sie pfiffen und lachten während sie begeistert auf das kopflose Leib starrten. Wie die Henker ihren enthaupteten Leib einen Moment später in den wartenden Korb zu ihrer Rechten schoben. All dies blieb ihr erspart.
Es dauerte vierzehn Sekunden Camille vom Gefängnistor bis zum Fallbeil zu schleifen und ihren Kopf rollen zu lassen.
Es dauerte vierundvierzig Tage von der Verkündung ihres Todesurteils bis zu seiner Vollstreckung.